Falko Lüdtke - Eberswalde

Nach Amadeu Antonio war Falko Lüdtke das zweite Todesopfer rechter Gewalt in Eberswalde. Sein Tod wird aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Punk-Szene bis heute verharmlost, eine rechte Tatmotivation angezweifelt. Nur zu gerne glauben viele BürgerInnen der Stadt bis heute der Staatsanwaltschaft, die damals der Meinung war, dass der Mord keinen politischen Hintergrund gehabt hätte.

Einen Tag nach der tödlichen Attacke halten Freundinnen und Freunde eine spontane Sitzblockade am Tatort ab, die von der Polizei mit unverhältnismäßiger Härte beendet wird. In den Folgetagen versammeln sich die Freunde von Falko weiter an der Bushaltestelle. „Ein Mord ist für Falkos Freunde nicht von der Hand zu weisen. Er war einer von uns – Wir werden ihn nie vergessen“ so heißt es auf der Mahnwache.1
Bis zu 80 Personen nehmen daran teil. Am 03. Juni 2000 findet dann, sehr kurzfristig organisiert, eine antifaschistische Demonstration unter dem Motto „Kein Vergeben - Kein Vergessen!“ in Eberswalde mit ca. 500 TeilnehmerInnen statt. Im Anschluss an diese Demonstration werden 24 Personen festgenommen.

In der Woche nach dem Mord an Falko Lüdtke versuchen Ermittlungsbehörden und Stadtverwaltung, den Tod des jungen Punks zu entpolitisieren, ihn als Streit unter Jugendlichen darzustellen und den tödlichen Stoß vor das Taxi als Unfall abzutun.

Am 7. Juni, seinem 23. Geburtstag, wird Falko beerdigt. Die Polizei gibt dabei ein unrühmliches Bild ab, und zeigt massive Präsenz. Für die Deckung der Beerdigungs- und die anfallenden Anwaltskosten der Nebenklage von Falkos Mutter sammelt das Jugendzentrum Exil Spenden.2

Jedes Jahr treffen sich Freundinnen und Freunde von Falko sowie Menschen, denen das Schicksal des jungen Punks ans Herz geht, am Jahrestag seines Todes an der Bushaltestelle „Spechthausener Straße“ und erinnern sich.3


Die Quellen

1 Initiative Kontroverse, 03.06.2000: Presseerklärung 02/00-01
2 Flugblatt „Falko ist tot!!!“
3 Tolerantes Eberswalde, 27.05.2013: Gedenkkundgebung für Falko Lüdtke am 31. Mai um 17.00 Uhr, Bushaltestelle Spechthausener Straße.


Gedenken an Falko 2006
Foto: Exil e.V. Eberswalde
„Für mich ist es erst abgeschlossen, wenn ich die ganze Wahrheit weiß“

Falko Lüdtke wurde am 31.05.2000 in Eberswalde von einem Neonazi vor ein vorbeifahrendes Taxi gestoßen und verstarb wenige Stunden später. Im Sommer 2015 sprach die Opferperspektive mit Sandra, einer damaligen sehr guten Freundin von Falko Lüdtke über den Schmerz des Verlustes und das Erinnern.

Im Sommer 2015 sprach die Opferperspektive mit Sandra, einer damaligen sehr guten Freundin von Falko Lüdtke über den Schmerz des Verlustes und das Erinnern.

Sandra, mit der Studie des MMZ ist Falko nach 15 Jahren als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt worden. Deine Gedanken?

Zwei Worte: Na endlich! Von uns wurde er immer als Todesopfer rechter Gewalt gesehen. Es hat 15 Jahre gedauert diese politische Relevanz nachzuweisen und ich habe die Befürchtung, dass es nochmals 15 Jahre dauert bis die Wahrheit ans Licht kommt.

Wie hast Du vor 15 Jahren von Falkos Tod erfahren?

Wir wollten uns alle abends in der Kneipe treffen, nur Falko fehlte noch. Ein Kumpel kam aufgelöst herein und sagte: Falko liegt auf der Spechthausener Straße, blutüberströmt, Knochen gucken aus seinem Bein heraus. Um ihn herum stehen lauter Faschos, die Erste Hilfe zu leisten versuchen. Wir waren schockiert, fuhren sofort ins Krankenhaus, aber ein Gedanke war da: Wenn Faschos um ihn herum stehen, ist das kein Zufall. Dann haben die auch etwas damit zu tun. Die Polizei suchte zu Beginn nicht einmal nach dem Täter. Falko starb und der Täter konnte flüchten. Erst als wir alle Hebel in Bewegung setzten, verschiedene Zeitungen informierten und Demos organisierten, sahen sich die Stadt und die Polizei gezwungen, etwas zu unternehmen und eine Fahndung einzuleiten. Später im Gerichtsprozess gab es viele Ungereimtheiten. Alle Zeugen waren Nazis. Vor allem haben alle Zeugen im entscheidenden Moment des Zusammenstoßes zwischen dem Taxi und Falko zufällig woanders hin geguckt. Ich bin überzeugt, dass die Faschos Falko schon vorher halbtot geschlagen haben und mit dem Taxi nur versuchten Beweise zu vertuschen. Die Betonung liegt auf Mehrzahl. Wir erhielten Hinweise, dass der verurteilte Täter für die anderen nur den Kopf hingehalten haben soll.

In welcher Weise wurde in Eberswalde auf den Tod Falkos reagiert?

Falkos Tod hat die ganze Welt interessiert, nur diese Stadt nicht. Uns rief sogar ein alter Freund aus Brasilien an, der dort davon erfahren hatte. Wenn es jemandem passiert wäre, der hier Rang und Namen hat, dann, glaube ich, wäre ein Aufschrei durch die Bevölkerung gegangen. Falko war jedoch für viele hier nur ein dreckiger Punk, der sich nicht wundern muss, wenn er totgeschlagen wird. Mein Eindruck war, dass die Leute in der Stadt eher sauer waren und keinen Bock auf einen zweiten Amadeu Antonio hatten. Schon wieder guckte alle Welt auf Eberswalde. Von der Stadt oder der Polizei haben wir in der ganzen Zeit keine Unterstützung erfahren. Die Polizeipräsidentin stellte sogar die Linken in der Gedenkdemo alle als Gewalttäter dar, denen es nicht um Falko ginge, sondern nur um Gewalt und Chaos. Um an Falko zu erinnern, haben wir einmal im Jahr an seinem Todestag die Straße für eine Stunde besetzt. Viele Autofahrer beschwerten sich darüber. Aber über ein kaputtes Menschenleben, darüber hat sich keiner beschwert ... Bis heute macht es mich wütend, wie über Falko geredet und geschrieben wurde. Viele sprachen von Rangeleien „zwischen zwei gleichermaßen gewaltbereiten Jugendlichen“ und dass es genauso gut andersherum hätte enden können. Das hätte es eben nicht! Niemals hätte Falko es in Kauf genommen, dass seinetwegen jemand stirbt! Einmal war er in eine gewalttätige Auseinandersetzung verwickelt und wollte das nie wieder erleben. Daran hielt er sich die ganzen Jahre.

Was war Falko für ein Mensch?

Falko war ein liebevoller Mensch, der uns stets als seine Familie bezeichnete. Das Wichtigste für ihn war, dass es uns allen gut ging. Er hörte zu, wenn jemand Probleme hatte und teilte großzügig alles, was er besaß. Manchmal kaufte er Blumen und verschenkte sie an Bekannte, die ihm gerade begegneten. Er war ein begeisterter Leser, liebte Musik und schrieb Songtexte für befreundete Punkbands. Falko führte auch coole Aktionen durch, gab aber niemals damit an. Ihm ging es nur um die Wirkung. Einmal hängte er ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Destroy Facism“ an einen 70 Meter hohen Schornstein, der dem rechten Jugendclub direkt gegenüber stand. Das hing dort monatelang. So bewertete ja auch die Richterin Falkos Verhalten an dem Abend als mutig und als Zivilcourage.

In welcher Form wünscht Du Dir ein Gedenken an Falko?

Wir haben uns jedes Jahr an seiner Todesstelle getroffen. Zuerst waren wir 200 Leute, die letzten Jahre saßen wir leider nur mit wenigen Menschen dort. Ich kann es den Leuten nicht verübeln und möchte auch nicht, dass unser Erinnern zu einer Pflichtveranstaltung mit Bürgermeister usw. wird wie bei Amadeu Antonio. Viele gehen glaube ich nur dorthin, weil es zum guten Ton gehört und meinen es nicht ernst. Ich will auch keinen Gedenkstein haben, der dann angepisst und beschmiert werden kann. Falko ist ja auch nicht der einzige. Ständig kommen weitere Opfer rechter Gewalt hinzu, die alle gewürdigt werden sollten.

Welche Reaktion erwartest Du nun von der Stadt oder der Öffentlichkeit?

Ich erwarte, dass sie seinen Tod endlich bedauern. Sie kannten ihn nicht, aber sie haben auch nie Interesse an seiner Person gezeigt. Dabei hat Falkos Tod viel bewirkt. Es gab einen Aufschrei, auch wenn der nicht bei allen ankam. Viele Jugendliche wurden dadurch geprägt und wollten keine Nazis werden. Für mich ist es erst abgeschlossen, wenn ich die ganze Wahrheit weiß. In unseren Herzen hat Falko seinen Stammplatz und wir werden uns immer an ihn erinnern. Freunde sterben nicht.

Aus: Opferperspektive, Schattenberichte, Im Gespräch: Sandra L.


Flugblätter zum Mord an Falko Lüdtke
Bild: Archiv Opferperspektive

Falko Lüdtke war von Land Brandenburg bis 2015 nicht als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. Auch in der Stadt Eberswalde nicht. Dort gab es nach seinem gewaltsamen Tod viele Gerüchte um das Wie und Warum. Mit dem folgenden Text setzen Menschen aus dem Umfeld des EXIL diesen Gerüchten Argumente und Fakten entgegen und erinnerte so an den fast vergessenen Tod von Falko.


Der Tod von Falko Lüdtke: Argumente statt Gerüchte