Andrzej Frątczak

Leider ist zu Andrzej Frątczak, dem ersten Opfer von Neonazis im wiedervereinigten Deutschland1, wenig überliefert. Geboren am 28.11.1953 an einem unbekannten Ort in Polen, arbeitet er, wie viele seiner Landsleute, zur Tatzeit im Kraftwerk Vetschau. Sie, vermutlich auch Frątczak, leben in einer Wohnunterkunft in Lübbenau (Dahme-Spree).

Der Ort

Neben Frątczaks wahrscheinlichem Wohnhaus gibt es ein Heim für Asylbewerber, welches im Juli 1992 von drei Frauen mit einem Molotowcocktail beworfen2 und im September 1992 von bis zu 80 Rechten angegriffen wird. Beim letzten Angriff sind auch die Täter Andrzej Frątczaks beteiligt. Der Tatort spielt ebenfalls in der Neonaziszene eine Rolle: die Gaststätte „Turbine“ dient im November 1992 dem Hamburger Neonazi Christian Worch (NF) und dem Cottbuser Frank Hübner (DA) als Ersatzort für eine verbotene Demonstration. An der Saalveranstaltung nehmen 250 Personen teil.3

Die Tat

In der „Turbine“ findet am Abend des 07.10.1990 eine Disko statt. Zu den 70-80 Besuchern gehören viele Polen aus dem nahegelegenen Wohnheim; die Disko ist auch ein beliebter Freizeittreff der rechten Szene. Die später von der Polizei befragten Zeugen werden die Atmosphäre als friedlich beschreiben. Gegen 1 Uhr nachts kommt Reno W., bekleidet mit einem Adolf-Hitler-T-Shirt, höchst erregt zur Gaststätte. Einen herauskommenden Mann fragt er barsch, ob dieser Pole sei. Als der verneint, beruhigt sich Rene W. wieder und geht weiter. Gegen Ende der Veranstaltung suchen mindestens drei Skinheads Streit mit einigen polnischen Arbeitern, die sich auf der Terrasse der Gaststätte aufhalten. Sie beschimpfen die Männer u.a. mit „Ausländer raus“ und als „Kanacken“. Anschließend gehen sie auf die Gruppe zu und rempeln diese an. Es kommt zu einer verbalen Auseinandersetzung und Schubserei.
Ein anderer Pole kommt den Angegriffenen zu Hilfe und besprüht die Skinheads mit Pfefferspray. Nachdem sich die Jugendlichen auf der Toilette die Augen ausgespült haben, erscheinen sie erneut auf der Terrasse, um sich an den Polen zu rächen. Reno W. wird später in der Vernehmung angeben. „der Pole sei auf ihn zugekommen und habe dabei ein Messer in der Hand gehabt, jedoch ohne Anstalten eines Ausholens oder Zustechens mit dem Messer zu machen.“4 Rene W. geht sofort in den Angriff über, tritt den Mann vor die Brust und schlägt ihm ins Gesicht. Dirk E. attackiert einen weiteren unbekannten Polen, der hinter dem nahe gelegenen Kiosk steht, mit einem Ast. Als sein Opfer bereits auf dem Boden liegt, schlägt und tritt er mehrmals mit voller Wucht auf dessen Oberkörper ein. Auch Frank I. beteiligt sich an den Fußtritten. Erst als ein Anwohner ruft, sie sollen mit der Prügelei aufhören, lassen sie von ihrem Opfer ab. Doch Dirk E. geht noch einmal zurück und springt mit voller Wucht auf den Oberkörper des hilflos am Boden liegenden Mannes. Dieser erleidet Rippenprellungen und Blutergüsse an den Augen.
Als der Wirt später auf die Terrasse kommt und einen Mann am Boden liegen sieht, fragt er den daneben stehenden Reno W., wer das sei. Reno W. brüstet sich damit, dass er den Mann zusammengeschlagen habe und dieser sinngemäß „ausbluten“ müsse.5 Auf Aufforderung des Wirts hilft W. dem Mann demonstrativ auf die Beine. Dieser entfernt sich schwankend in Richtung Kiosk.
Am nächsten Morgen wird einer der polnischen Männer, Andrzej Fratczak, in der Nähe der Gaststätte erstochen aufgefunden. In seiner Hand befindet sich eine Reizgasdose.
Bereits vor der Tat hatte einer der Täter laut den Vernehmungen gesagt: „Das Schwein stech ich ab.“6 Am selben Tag kommt Reno W. noch einmal in die Gaststätte. Gegenüber dem Wirt sagt er, die Polen hätten den Streit angefangen und wären „so oder so an diesem Abend verprügelt worden“. Der Wirt wird angeben, den Eindruck gehabt zu haben, als wolle Rene W. mit der Tat prahlen.7

Das Verfahren

Polizei und Staatsanwaltschaft können nicht ermitteln, welcher der drei Schläger für die tödliche Verletzung verantwortlich ist und woher das tödliche Messer stammte. Das Bezirksgericht Cottbus prüft weder ein rassistisches Motiv der Tat, noch spielt die rechte Gesinnung der Täter eine Rolle. Es stellt lediglich fest, einer der Angeklagten habe mit dem Opfer und zwei seiner Landsleute „zumindest eine verbale Auseinandersetzung“ anfangen wollen. Es verurteilt sie zu Jugendstrafen zwischen acht Monaten und drei Jahren und neun Monaten. In das Strafmaß einbezogen werden weitere Taten, darunter im Falle von Reno W. und Frank I. auch die Anstiftung und Beteiligung an den o.g. rassistischen Angriff auf das Asylbewerberheim Lübbenau im September 1992.
In einem Revisionsverfahren wird das Strafmaß gegen Reno W. auf drei Jahre gesenkt.

Das Gedenken

Ein öffentliches Gedenken hat bisher nicht stattgefunden.


Die Quellen

1 Harry Waibel, „Bei uns in der DDR ist das überwunden“, in: Jungle World v. 10.09.2015
2 Jens Blankennagel, „Gelungene Resozialisierung“, in: Berliner Zeitung v. 15.09.2003
3 Vgl den Artikel Frankfurt/Oder. Eine ungewöhnliche Universitätsstadt, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv (Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg, Berlin 1994, S. 50-53, S. 51
4 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 25
5 Ebd., S. 26
6 Ebd., S. 26
7 Ebd., S. 27