Bernd Köhler

Bernd Köhler
Foto: privat

In der Nacht zum 22. Juli 2008 wird der 55-jährige alkoholkranke und erwerbslose Bernd Köhler von den beiden Neonazis Sven P. (18) und Christian W. (21) in seiner Werkstatt im uckermärkischen Templin zu Tode gequält. Bernd Köhler, der in Templin als „Stippi“ bekannt ist, arbeitet vor der „Wende“ als Meliorationstechniker und später als Kraftfahrer in einem Getränkekombinat. Nach 1990 verursacht der Vater von zwei Kindern, betrunken einen Unfall, verliert seinen Führerschein und wird arbeitslos. Seitdem ist er ohne Aussicht auf eine feste Stelle. Der Alkohol spielt dafür eine immer größere Rolle in seinem Leben. Immer öfter trifft sich der freundliche und friedfertige Köhler, der Streit auch betrunken aus dem Weg geht, mit seinen Kumpels zum trinken und übernachtet anschließend in der Böttcherwerkstatt seines Vaters. [1]

DIE TAT

Am Abend des 21. Juli 2008 treffen sich Bernd Köhler und der zur rechten Szene gehörende Christian W. zufällig bei einem gemeinsamen Bekannten in der Wohnung. Die beiden kennen sich seit einigen Monaten oberflächlich und trinken öfter zusammen. W. lässt den älteren Mann sogar einmal in seiner Wohnung übernachten, Bernd Köhler überließ dem 18-Jährigen ein Fahrrad. Das Verhältnis scheint auf den ersten Blick freundschaftlich, obwohl Christian W., der an diesem Tag ein T-Shirt mit dem Konterfei von Rudolf Heß trägt, als überzeugter Neonazi gilt. Kumpelhaft war nach Auffassung des Gerichts das Verhältnis solange, wie Christian W. Vorteile aus dem Kontakt zu Bernd Köhler ziehen konnte, auch wenn er eigentlich für ihn ein minderwertiger und verachtenswerter Mensch aus der Alkoholikerszene Templins war. [2]

An diesem Abend scheint alles friedlich in der Wohnung des gemeinsamen Bekannten. Man trinkt zusammen. Christin W. bittet Bernd Köhler ihm ein Fahrrad zu schenken. Köhler sagt zu. Gemeinsam gehen sie und ein Bekannter zur Werkstatt von Köhler, um das Rad zu holen. Sie lassen es dann aber doch noch stehen, weil unklar ist, ob die Luft im Reifen hält. Anschließend gehen die beiden gemeinsam zum Obdachlosenheim, um dort weiter zu trinken. Gegen 20 Uhr sind die Getränke alle und beide fahren, um im Supermarkt weiteres Bier zu kaufen. Anschließen will W. mit dem Fahrrad nach Hause, und lädt Köhler ein mitzukommen. Köhler nimmt die Einladung gern an. Auf dem Weg treffen sie in der Innenstadt zufällig auf Sven P., der ebenfalls zur rechten Szene Templins gehört. Zu dritt laufen sie zum Marktplatz, setzen sich dort auf eine Parkbank und trinken das Bier von Köhler. Einer der beiden Täter ruft zwischendurch „Sieg Heil“. Irgendwann ziehen sie weiter. Als Bernd Köhler auf dem Weg in Richtung Robert-Koch-Straße die beiden verlassen will und mit dem Fahrrad losfährt, eskaliert die Situation. Christian W. droht ihm mit Schlägen und beschimpft ihn als „ Drecksau“ und „Assi“. Köhler versteckt sich kauernd hinter einer Fichte. Doch die beiden Neonazis finden ihn in seinem Versteck. P. der ihn „aufgrund seiner faschistischen Weltanschauung […] als asozialen Trinker verachtet“ tritt mit Füßen brutal auf den am Boden hockenden älteren Mann ein. In dieser Situation kommt Christian W. Köhler noch zu Hilfe, damit er aufsteht. Dann jedoch nötigen sie Bernd Köhler gemeinsam mit ihnen zur Werkstatt zu gehen, um das versprochene Fahrrad zu holen. Beide sind zu diesem Zeitpunkt bereits hoch aggressiv gegenüber Köhler. Auf dem Weg dorthin demütigen und beschimpfen sie ihn als „blöde Sau“, „alter Sack“, „Drecksvieh“. Christian W. treibt den 55-jährigen mit einer „erstaunlichen Menschenverachtung“- so das Gericht - wie ein Tier vor sich her in Richtung Werkstatt.

In der Werkstatt setzt sich Bernd Köhler erschöpft auf den Boden, ihm fallen sofort die Augen zu. Irgendwann schläft er fest ein. Christian W. packt den Schlafenden an den Sachen, zieht in hoch und schüttelt ihn kräftig. Sven P. brüllt ihn an "Steh auf du Drecksau". Doch Köhler wird nicht wach. Dass er es wagt einzuschlafen und sich damit ihrem Anweisungen widersetzt, macht die beiden noch wütender und aggressiver. Sie beginnen ihre 'Bestrafungsaktion'. Sven P. tritt auf den Kopf des wehrlosen Mannes ein und brüllt dabei „Steh auf du Drecksau!“ Doch dabei bleibt es nicht. Es ist vor allem Sven P., der immer wieder mit aller Brutalität auf den wehrlos am Boden liegenden einschlägt und eintritt – unzählige Male gegen den Kopf, das Gesicht und den Oberkörper. Zwischendurch legt er eine Pause ein, trinkt Bier und raucht. „Der als von ihnen als 'Assi' verachtete wehrlose Bernd Köhler, der den beiden ,[...] in seiner Werkstatt hilflos ausgeliefert [ist, erscheint] P. als das geeignete Opfer“ um seine „Lust an exzessiver Gewalt auszuleben“. Auch Christian W. tritt mehrmals mit voller Wucht zu. Bernd Köhler schreit vor Schmerzen. Doch Sven P. hört nicht auf mit seinen schweren Misshandlungen auf. ,Als Köhler nur noch röchelnd am Boden liegt, nimmt P. eine abgebrochene Bierflasche und will Köhler damit in den Hals stechen. Christian W. sagt ihm, er solle jetzt aufhören und fordert ihn auf abzuhauen, um Ärger zu vermeiden. Die beiden lassen den Schwerverletzen einfach liegen und verlassen die Werkstatt. Nachdem sie auf dem Marktplatz ein Bier getrunken haben, kehren sie nach einer halben Stunde zurück, um sich das geschenkte Fahrrad zu holen. Bernd Köhler ist da bereits tot. Wer auf den Leichnam Abfälle kippt und ihn versucht anzuzünden, bleibt ungeklärt.

DAS GERICHTSVERFAHREN

Die Staatsanwaltschaft Neuruppin plädiert bei beiden Angeklagten auf Mord aus niedrigen Beweggründen und fordert für Sven P. die höchste Jugendstrafe von zehn Jahren und für den drei Jahre älteren Christian W. eine lebenslange Haftstrafe nach Erwachsenenstrafrecht. In ihrer Begründung hebt die Anklagebehörde hervor, die Täter hätten „aus menschenverachtender und politisch rechter Überzeugung heraus“ gehandelt und Bernd Köhler durch massive Tritte gegen den Kopf getötet. Sie hätten den alkoholkranken Mann dabei als „Abschaum“ betrachtet und ihn einem Tier gleichgesetzt. Bei Sven P. käme als weiteres Motiv Grausamkeit und Mordlust hinzu. [3]

Nach 12 Verhandlungstagen verurteilt das Landgericht Neuruppin am 5. Mai 2009 den zum Tatzeitpunkt 18-jährigen Haupttäter Sven P. wegen Mordes zu einer zehnjährige Jugendstrafe. In das Strafmaß wird eine weitere Verurteilung wegen Körperverletzung vom Amtsgericht Prenzlau mit einbezogen. Christian W. wird wegen Beihilfe zum Mord durch Unterlassen und Körperverletzung zu neun Jahren und drei Monaten verurteilt. Die Strafkammer sieht es in ihrem Urteil als erwiesen an, dass bei der Auswahl des Opfers das „neonazistische Menschenbild“ der Täter eine wichtige Rolle spielte. Sie misshandelten und quälten Bernd Köhler zu Tode, weil sie ihn aufgrund seines sozialen Status als Alkoholiker verachteten. Die Täter spielten sich als Herren über Leben und Tod auf, so der Vorsitzende Richter in seiner mündlichen Urteilsbegründung. Einen solchen Mangel an Empathie hätten auch Folterknechte im KZ gezeigt. [4] Beide Täter hatten sich im Gerichtsverfahren nicht äußertet. Sven P. erwähnte jedoch gegenüber einer Gutachterin, politisch rechts zu stehen. [5]

Der Bundesgerichtshof (BGH) lässt im Januar 2010 die Revision von Sven P. zu. Der BGH beanstandet das verhängte Strafmaß gegen ihn. Seine Verurteilung wegen Mordes bleibt davon unberührt. Der BGH stellt fest, dass Sven P. vermutlich nicht Alleintäter war und das Gericht den Tatbeitrag des zweiten Täters Christin W. möglicherweise zu gering eingeschätzt hat. Er fordert trotzdem eine Hafturteil für Sven P. „im obersten Bereich des Strafrahmens“. Im Revisionsverfahren reduziert das Landgericht Neuruppin das Urteil gegen Sven P. auf neun Jahre Jugendhaft. Das Gericht geht zugunsten des Haupttäters P. davon aus, dass der Tatbeitrag von Christian W. größer war und Sven P. von seinem Komplizen „angestachelt wurde, immer noch einen draufzusetzen“. [6]

NACH DER TAT

Der Mord an Bernd Köhler sorgte nicht nur wegen seiner Brutalität für Aufsehen. Empörung löste auch die Äußerung des parteilosen Bürgermeisters von Templin, Ulrich Schoeneich, aus. Er hatte nach der Tat die Existenz einer rechten Szene in Templin geleugnet. Auch sprach er sich gegen ein Benefizkonzert für die Familie des Opfers aus. [7] Erst nach Protesten ließ er sich umstimmen. Wie schwer sich Schoeneich damit tat, öffentlich das Problem zu benennen, zeigte auch seine Reaktion auf einer Podiumsdiskussion der uckermärkischen CDU im August 2008. Die Initiative bewertete er als »Einmischung von außen«. Seit Mitte 2007 gab es zahlreiche Übergriffe aus der rechten Szene Templins auf junge Linke, Punker und Menschen mit dunkler Hautfarbe. Die Opferperspektive zählte in den zwölf Monaten vor dem Mord zehn rechte Angriffe. Für eine Kommune mit knapp 17.000 EinwohnerInnen ist dieses Ausmaß erheblich.

Das Gedenken
Jedes Jahr treffen sich Angehörige, Freunde und Vertreter der Stadt in Gedenken an Bernd Köhler an dessen Grab in Templin.

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Die Quellen

[1] Gegenrede, 06.05.2009: Es gab ein Leben vor dem Tod.
[2] Gerichtsurteil Landgericht Neuruppin; Gegenrede, 7.5.2009: Templiner Mord vor Gericht: Hohe Strafen für die Angeklagten.
[3] Fokus vom 5.5.2009: Hohe Haftstrafen im Templiner Mordprozess
[4] Berliner Zeitung vom 6.5.2009: Neonazis ermordeten einen Arbeitslosen. Sie erhielten hohe Haftstrafen. „Erstaunliche Menschenverachtung“.
[5] Uckermark Kurier vom 27.2.2009: „Sven ist ein fehlgeleiteter Jugendlicher“
[6] Tagesspiegel, 28.07.2010: Mörder von Templin erkämpft mildere Strafe.
[7] weltonline, 27.07.2008: Mord in Templin: Massive Kritik am Bürgermeister.

Es gab ein Leben vor dem Tod

Bernd Ks. Leben verlief neben den Schlagzeilen. Erst sein Tod brachte ihn kurzzeitig in die Medien, machte ihn zum sensationsträchtigen Opfer rechter Gewalt.

Erst sein Tod ließ ihn obdachlos werden, machte ihn zum arbeitslosen Alkoholiker – oder prosaischer – zu einem, der am Rande der Gesellschaft lebte. Es passte so schön ins journalistische Weltbild: Zwei Angehörige der rechten Szene Templins töten einen Obdachlosen auf brutalste Weise. Sie haben ihn zertreten wie man Ungeziefer zertritt. Während des Prozesses um diesen Mord wurde viel über sein Sterben gesprochen aber nie über sein Leben.

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»Hier wohnt Stippi« steht noch heute an der Tür zur ehemaligen Böttcherwerkstatt seines Vaters, die er Mitte der 90er Jahre von den Geschwistern gekauft hatte. Hier hatte ihn am frühen Morgen des 22. Juli 2008 sein Kumpel Uwe L. auf der Suche nach Alkohol tot aufgefunden. Zu Tode getreten von zwei jungen Männern. Der eine, Christian W., war bereits am Vorabend mit Bernd K. unterwegs und hatte mit ihm ein paar Bier getrunken, der andere, Sven P., stieß zufällig hinzu.

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Bernd K. spielt im Hof zwischen Wohnhaus
und Werkstatt vor Holzfässern, die sein
Vater baute.
Foto: privat

»Dort drinnen haben wir immer Verstecken und Fangen gespielt. Und Ostereier gesucht,« erinnert sich Bernd Ks. Schwester Waltraud. Die 64-jährige resolute kleine Frau beschreibt die Werkstatt des Vaters als einen Spielplatz seiner Kindheit. Nur wenige Schritte entfernt, an der Mühlenstraße im Wohnhaus der Familie, hätte er eigentlich zur Welt kommen sollen, wenn während der Schwangerschaft keine Komplikationen aufgetreten wären.

»Wir Geschwister sind ja alle zu Hause geboren wurden«, erklärt Waltraud K., »nur bei Stippi war das anders. Unsere Mutter musste ins Krankenhaus. Sie wäre fast bei der Geburt gestorben.«

Am 27. Juli 1952 wurde Bernd K. geboren. Er war das achte Kind, dazu ein Nachzügler, ein Nesthäkchen, Liebling der Mutter, und der Geschwister, Stippi eben. »So hieß er von Anfang an«, bestätigt die Schwester. Der Vater habe ihn nicht so gemocht, ergänzt sie: »Weil unsere Mutter ihn immer verhätschelt hat.«

Wilhelm Pieck, der Präsident der DDR, wurde sein Pate, und der Staat schenkte ihm ein Sparbuch mit 100 Mark, die er zu seinem 18. Geburtstag abheben durfte.

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Bernd K. während seiner Militärzeit,
Foto: privat

Über die Schulzeit weiß die Schwester wenig zu berichten. Acht Jahre besuchte er die Polytechnische Oberschule in Templin. »Er hätte auch zehn geschafft. Aber er konnte die Lehrerin nicht leiden. Da ist er lieber in die Lehre.«

Er machte seinen Facharbeiter für Meloration. Er wurde einer, der in der Entwässerung tätig war. Ein Baggerführer, und zwar ein geschickter. »Er war mit seinem Seilbagger genauso schnell wie die Kollegen mit den modernen Hydraulikgeräten.« erinnert sich der Schwager. »16 Jahre hat er dort gut Arbeit gemacht.«

Bernd K. wohnte weiter im elterlichen Haus. »Er wohnte in Sperlingslust«, schmunzelt die Schwester, »Hier oben direkt unterm Dach.«

1971 musste er zum Militärdienst. Er durfte der DDR in der Nähe Neubrandenburgs dienen, indem er das Rollfeld des Militärflughafens Trollenhagen fegte. »Da habe ich ihm einmal im Monat ein Päckchen geschickt. Gut darin versteckt immer eine kleine Flasche Schnaps. Das war ja verboten.«

Nach dem Militär besorgte er sich eine MZ. »Unsere Mutter hat ihm dafür das Geld geliehen«, weiß die Schwester zu berichten »Aber er hat in Raten zurückgezahlt.« Viele Raten musste er allerdings nicht zurückzahlen. Öfters ging es am Wochenende nach Boitzenburg in die Diskothek, den Freund auf dem Sozius. Es wurde gefeiert, getanzt und gesoffen. »In der Woche hat er nie gesoffen, höchstens ein Feierabendbier getrunken«, erklärt Waltraud K. »Aber an den Wochenenden, da ging es immer rund.«

Einmal war es ein zu kurzer Schlaf in einer Scheune. Die Fahrt endete im Graben. K. blieb unverletzt, der Freund starb zwei Wochen später im Krankenhaus. Bernd K. musste für zwei Jahre ins Gefängnis. Der Vater verkaufte das Motorrad, ohne seinen Sohn zu fragen.

Gearbeitet hatte er in diesen zwei Jahren in der Häftlingsbrigade im Stahlwerk Riesa. Er hatte es sogar zum Brigadier gebracht. Die Truppe arbeitete gut. Ihm wurde Bewährung angeboten. »Das wollte er nicht«, sagt die Schwester bestimmt. »Er wollte die Strafe verbüßen und danach seine Ruhe haben.«

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Bernd K. Anfang der 1980er Jahre,
Foto: privat

Anfang der 80er fing er an, im Verein Tischtennis zu spielen. Er war nicht schlecht, kämpfte um die Kreismeisterschaft. Später trainierte er die Jugendmannschaft. Er fotografierte gern, entwickelte die Fotos sogar selbst. Er trank aber auch weiter Alkohol.

1987 wechselte er als Kraftfahrer in das Getränkekombinat. Er wurde Bierkutscher. Wann das Trinken in Abhängigkeit umschlug, lässt sich heute nicht mehr klären. Als er 1988 einem Magendurchbruch erlitt kam er nur knapp mit dem Leben davon.

»Er hatte riesige Schmerzen, hatte ja schon Blut im Stuhl. Dann habe ich einen Arzt geholt. Der hat ihn sofort eingewiesen.« Waltraud K. erinnert sich, das sie nach der Operation von einem Arzt stark gerüffelt wurde. »Der war richtig zornig und brüllte mich an. Warum niemand gesagt habe, dass ihr Bruder Alkoholiker sei.« Bernd K. hatte im Krankenzimmer randaliert. Die Ärzte erzwangen den kalten Entzug. Niemand aus seinem Umfeld hatte das bis dahin gemerkt, dass er alkoholabhängig war.

Bernd K. war weder nüchtern noch betrunken aggressiv. Er wird als freundlicher und lustiger Mensch geschildert, der sich zurückzog, wenn es Streit gab.

Ein Jahr später verliebten sich Bernd K. und Carola G. ineinander. »Seine ganze Art war liebenswert und freundlich,« beschreibt die Witwe Carola K. seine Wesen. Sie zog zu ihm in die Mühlenstaße. Von Alkohol bemerkte sie nichts. »Ein Feierabendbier, mehr nicht.« Zwei Töchter, Sarah und Stella, wurden geboren. 1994 heirateten die Beiden im engsten Freundeskreis. »Seiner Familie hatten wir nichts davon gesagt«, erinnert sich die Ehefrau an den Tag der Hochzeit. «Er ging einfach hoch zu Traudi und sagte, ihr braucht keinen Kaffee zu kochen. Der Tisch ist bei uns schon gedeckt. Wir haben uns heute zusammenschreiben lassen.« Nach der Geburt der zweiten Tochter zog die Familie aus der Mühlenstraße aus.

Die Wende brachte das Ende der Kombinate. Bernd K. wollte mehr Geld verdienen. Er fand eine Anstellung als Baumaschinist. Bis 2000 hatte er regelmäßig Arbeit. Danach war er mit kurzen Unterbrechungen ständig arbeitslos.

»Ohne die Arbeit fing er an, mehr zu trinken. Es war ein schleichender Prozess,« erinnert sich Carola K: »Später bin ich immer durch Templin gefahren und habe ihn gesucht.« Unzählige Male hatte sie ihn betrunken aufgelesen und nach Hause gebracht. Falls die Polizei ihn nicht schon vorher gefunden hatte. Drei Mal war er in den folgenden Jahren im Entzug. »Er hat sich immer geweigert, eine Therapie zu machen«, erzählt Carola K. »Ich lass mir doch mein Bier nicht nehmen, war dann sein Standardsatz.«

Ein Jahr vor seinem Tod löste er seine Lebensversicherung auf. Von dem Geld kaufte er sich eine Tischtennisplatte, Fotoapparate und zwei Fahrräder. Es wirkte wie ein Versuch, die Erinnerung an eine schönere Zeit wachzuhalten. Vielleicht war es auch ein Versuch, dem Leben wieder einen Sinn zu geben. Doch seine Saufkumpanen ließen das nicht zu. Die Tischtennisplatte war sofort aus der Werkstatt verschwunden. Zwei Fotoapparate und ein Fahrrad tauchten nie wieder auf. Und das verbliebene Rad fischten die Polizisten kurze Zeit nach dem Mord aus dem Kanal.

Zuerst erschienen auf gegenrede.info

12.02.2015 - Täter vorzeitig aus der Haft entlassen.

Templin (ipr) Der wegen Mordes zu neun Jahren Jugendhaft verurteilte Templiner Nazi Sven P. ist am 9. Januar vorzeitig aus der Jugendhaftanstalt in Wriezen entlassen worden. Die Reststrafe von zweieinhalb Jahren wurde zur Bewährung ausgesetzt. Sven P. lebt jetzt in Süddeutschland.

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Das Opfer, der 55-jährige Bernd Köhler, Vater zweier Töchter, war am 22. Juli 2008 von den beiden Rechtsextremisten Christian W. und Sven P. durch Templin getrieben, in seiner Werkstatt gequält, zu Tode getreten und danach angezündet worden.

Sven P. verbüßte seine Strafe im Jugendgefängnis Wriezen. Am 6. Jahrestag der Ermordung von Bernd Köhler hatte er zwei Drittel seiner neunjährigen Jugendhaftstrafe verbüßt und längst beantragt, vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Das von der Staatsanwaltschaft in Neuruppin angeregte externe Sachverständigengutachten zur Gefährlichkeit des heute 25-Jährigen wirkte sich positiv auf diesen Antrag aus.

Sven P. konnte schon seit längerem auf Antrag das Gefängnis verlassen. Er hat die Möglichkeiten genutzt, um in Wriezen einen Führerschein zu machen. Einen Hafturlaub verbrachte er im letzten Jahr bei seinem Bruder in Süddeutschland. Auf dessen Facebook-Profil findet sich seitdem ein Foto der beiden Brüder.

Sven P. hat im Prozess geschwiegen. Er hat bis heute gegenüber den Angehörigen seines Opfers geschwiegen. Nur sein Bruder schrieb gegenrede.info, er habe seinen Fehler eingesehen. Seit Mitte Januar besitzt Sven P. ein eigenes Facebook-Profil. Im Freundeskreis sind allerdings auch alte Kameraden aus Templin zu finden. Sein Mittäter Christian W., der ebenfalls zu neun Jahren Haft verurteilt worden war, sitzt derzeit noch im Gefängnis.

Erschienen auf gegenrede.info.