Falko Lüdtke

Falko Lüdke
Quelle: ???

Falko Lüdtke wurde am 07.06.1977 in Bergen geboren. Als Punk gehörte er der linken Szene in Eberswalde an. Seine Freunde waren für ihn wie eine Familie. Von ihnen wird er als freundlicher Mensch beschrieben, der gern las, Musik liebte und Songtexte für befreundete Punkbands schrieb. „Das Wichtigste für ihn war, dass es uns allen gut ging. Er hörte zu, wenn jemand Probleme hatte und teilte großzügig alles, was er besaß. Manchmal kaufte er Blumen und verschenkte sie an Bekannte, die ihm gerade begegneten.1

Der Ort

Im Brandenburgischen Eberswalde wurde bereits im Januar 1990 Amadeu Antonio eines der ersten Todesopfer rassistischer Gewalt nach der Wiedervereinigung. Ab 1997 wurde der vom Eberswalder Gordon Reinholz gegründete „Kameradschaftsbund Barnim“ in der Region aktiv, fand jedoch wenig Einfluss auf die lokale rechte Szene. Zur Tatzeit gibt es neben den straff organisierten Neonazis eine breite, extrem rechts orientierte Jugendszene, die weit ins deklassierte Milieu reicht. Sie sind vor allen in den großen Plattenbaugebieten tonangebend. Einschüchterung, Bedrohungen und Gewalt, gehören, neben Sauftouren, untrennbar dazu. Gewalt gilt als legitimes Mittel, um vor allem Schwarze und Punks anzugreifen. Ein Beispiel dafür ist der Brandanschlag auf den afrikanischen Kulturverein „Palanka“ im März 2000, bei dem die Räume völlig ausbrennen.2 Die Sozialarbeiter_innen im rechten Jugendclub Domizil und in vielen ABM-Maßnahmen sind heillos überfordert. Nur wenige Eberswalder_innen, wie beispielsweise der Jugendkulturverein „Exil“ und der Verein „Palanka“, stellen sich aktiv gegen die rechte Szene. Der Großteil der Bevölkerung schaut weg.3

DIE TAT

Am 31.05.2000 gegen 20.40 Uhr trifft der 22jährige Falko Lüdtke an einer Bushaltestelle im Brandenburgischen Viertel auf den ihm bekannten 27jährigen Mike Bä., Mitglied der neonazistischen Szene in Eberswalde. Dieser steht dort bei zwei Bekannten. Kurze Zeit vorher soll es mit Mike Bä. Probleme an einem Döner-Imbiss gegeben haben. Laut einer späteren Zeugenaussage, wollte Falko Lüdtke dies mit Bä. an der Bushaltestelle klären.4 Der große und bullige Neonazi trägt auf dem Hinterkopf seiner Glatze ein handtellergroßes Hakenkreuz-Tattoo. Der wesentlich kleinere linke Punk spricht ihn auf die offen zur Schau gestellte, verbotene Tätowierung an. Eigentlich will Falko mit dem Bus in die Gegenrichtung nach Finow fahren. Offensichtlich entscheidet er sich spontan anders, um mit Mike Bä. weiter diskutieren zu können. Die beiden, sowie die Bekannten von Mike Bä., steigen in einen Bus ein. Dort setzen die beiden ihre verbale Auseinandersetzung über die Gesinnung Bä.s fort. Im Bus wird die Diskussion hitziger und der Begleiter von Mike Bä. drückt Falko gegen die Busscheibe. Ein weiterer Beteiligter bringt die beiden auseinander, so dass sich die verbale Auseinandersetzung wieder auf Falko Lüdtke und Mike Bä. konzentriert.5 Als Falko an der nächsten Haltestelle aussteigen will, sagt Bä. zu ihm „Bleib doch noch hier“ und ermutigt ihm damit weiter mitzufahren, um die Diskussion fortzusetzen.6 An der Haltestelle Spechthausener Straße verlassen sie den Bus. Bä. fordert Falko Lüdtke mehrfach auf, mit ihm auf den Hinterhof des Hauses Spechthausener Straße Nr. 5 zu kommen, um dort ein Bier zu trinken. Der Punk lehnt ab. Daraufhin kehrt Mike Bä. um und greift Falko Lüdtke plötzlich und unvorhergesehen mit Schubsen und Faustschlägen an.7 Dieser verteidigt sich gegen den Angriff, indem er zurückschubst und -schlägt. Während des Handgemenges bewegen sich beide zunehmend in Richtung Straße. Mike Bä. steht dabei mit dem Rücken zum Wohnhaus und Falko Lüdtke mit dem Rücken zur Straße. Als sich die beiden am Rand zur Fahrbahn befinden, versetzt Mike Bä. ihm einen Schlag auf den Brustkorb. „Falko Lüdtke verliert dadurch das Gleichgewicht und stolpert – sich zwei Schritte rückwärts bewegend – auf die Straße.“8 Er wird von der rechten Vorderfront eines vorbeifahrenden Taxis erfasst. Sein Körper zerschlägt die Windschutzscheibe. Durch die Wucht der Aufpralls wird Lüdtke hoch geschleudert und bleibt auf der Straße liegen. Der Täter flüchtet vom Tatort, ohne Falko Lüdtke zu helfen. Der Punk stirbt noch am selben Abend an einem Lungenriss.9

Das Verfahren

Bei der ersten polizeilichen Vernehmung gibt Mike Bä. zwar den tödlichen Stoß auf die Straße zu, bestreitet aber die politische Dimension des Geschehens.10 Da er im Gerichtsverfahren schweigt und sich Zeugen aus dem Umfeld des Täters auf Erinnerungslücken berufen, können entscheidende Beweise nicht erhoben werden.11 Im Dezember 2000 verurteilt das Landgericht Frankfurt (Oder) Mike Bä. zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten, unter anderem wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Das Gericht stellt fest, dass das Opfer den Täter nicht provoziert, sondern dass es sich bei Falko Lüdtkes Verhalten um einen Akt der Zivilcourage gehandelt habe.12 Schließlich seien die Vorbehalte Lüdtkes berechtigt gewesen, da Bä. seine Hakenkreuztätowierung offen trug und der rechten Szene zuzuordnen war. "Mit dem Tragen eines solchen, durch die Tätowierung immer präsenten Symbols auf einem den Blicken ausgesetzten Körperteil, wird eine Gesinnung zur Schau getragen.“13 und „Wenn man nichts unternimmt, um die Tätowierung nicht öffentlich bekannt zu machen, bekennt man sich zu dem faschistischen Symbol mit allen Konsequenzen und trägt auch die Verantwortung, selbst der, der unter Umständen nur ein Mitläufer ist.“14
In der Revisionsverhandlung wertet der Bundesgerichtshof im Juni 2001 die Tat jedoch nur noch als fahrlässige Tötung, da Bä. den Tod Lüdtkes ohne jeglichen Vorsatz herbeigeführt habe. Das Landgericht Cottbus verringert das Strafmaß daraufhin auf ein Jahr und acht Monate Haft ohne Bewährung. Die rechte Gesinnung von Bä. sei zwar die Ursache der Tat gewesen, strafverschärfend solle das aber nicht gewertet werden, so die Richter.15

Das Gedenken

Jedes Jahr versammeln sich Freundinnen und Freunde, Punks und Linke im Gedenken an Falko Lüdtke an der Bushaltestelle Spechthausener Straße. Erst seit der Studie des Moses Mendelssohn Zentrums 2015 ist Falko Lüdtke offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. Die Stadt Eberswalde plant auch nach der offiziellen Anerkennung kein Gedenken für Falko Lüdtke.16

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Die Quelle

1 Opferperspektive, Interview mit der besten Freundin von Falko Lüdtke anlässlich der Anerkennung von Falko als Opfer rechter Gewalt.
2 Barnimer Antifarecherche: Die dunklen 1990iger Jahre. Die Entwicklung neonazistischer Gewalt 1990-2001, S. 9
3 Mayr, Walter: Zuville Bananen jejess'n, 23.03.1998; und Gesine Enwaldt und Volker Steinhoff: Überfälle auf Campingplätze, 01.08.1996
4 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 131
5 Ebd. S. 132
6 Hohe Haftstrafen im „Punk“-Prozess , in: Nordkurier-Online v. 12.12.2000
7 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 133
8 Dann kommt der Hass hoch , in: Der Spiegel v. 32/2000
9 Zum Tod des Punks schweigt sich Mike B. Vor Gericht aus, in: Berliner Zeitung v. 23.11.2000
10 Mariella Schwertmüller, Mal lässig geschubst, in: Jungle World v. 30.10.2002
11 Rechter muss für den Tod eines Punks hinter Gitter, in: Berliner Zeitung
12 Gerichtsurteil
13 Gerichtsurteil
14 Milde gegen Rechtsradikale, in: taz v. 23.10.2002
15 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 135-136
16 Simon Rayss, 15 Jahre alter Todesfall neu bewertet, in: Märkische Oderzeitung v. 13.07.2015