Hans Jochen Lommatzsch

Von Hans-Jochen Lommatzsch wissen wir nur, dass der zur Tatzeit 51jährige als Baumaschinist arbeitete und mit seiner Frau in einem Oranienburger Neubaublock lebte.

Die Tat

Kurz vor Mitternacht des 18. Dezember 1992 will Hans-Jochen Lommatzsch nach seinem neuen Auto sehen – wie auch an vergangenen Abenden, da bereits mehrfach der Lack zerkratzt wurde. Lommatzsch begibt sich auf den Parkplatz direkt hinter seinem Wohnhaus. Zur gleichen Zeit kommt der 26jährige Jens Sch. aus dem „Havelkrug“ in der Emil-Polesky-Straße. Er hat den Abend mit Marco V. und weiteren Personen in der Kneipe verbracht, bevor diese mit dem Taxi in das „G-Haus“ (Gesellschaftshaus) zur Disko fuhren. Nur Jens Sch. entschied sich spontan anders und blieb in der Kneipe. Als er diese kurz nach Mitternacht verlässt, um dann doch noch ins „G-Haus“ zu gehen, sieht er Hans-Jochen Lommatzsch an dessen Auto stehen. In Hilfspolizistenmanier schreit Sch. Lommatzsch an: „Autoklau ist hier nicht“ und versetzt ihm den ersten Faustschlag ins Gesicht, ohne dass Lommatzsch überhaupt eine Chance hat, zu antworten. Die Faustschläge treffen den 51jährigen so massiv, dass er zu Boden geht und mit dem Kopf auf den Asphalt schlägt. Jens Sch. tritt mit Springerstiefeln gegen Kopf und Hals des schon schwerverletzt und reglos am Boden Liegenden, bis dessen Kopf bricht. Als der Täter Stimmen hört und befürchten muss, erwischt zu werden, flüchtet er.
Die alarmierten Rettungskräfte können nur noch den Tod von Hans-Jochen Lommatzsch feststellen. Er stirbt noch auf der Straße an einem Schädelbasisbruch. Aber auch die anderen Verletzungen an Oberkörper sowie Kopf, und insbesondere die Rippenserienbrüche waren so schwerwiegend, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt zum Tod geführt hätten.1 Seine Ehefrau erfährt erst am nächsten Tag auf der Polizeiwache von den Geschehnissen. Ermittlungsbeamte der Polizei klingeln am Morgen bei ihr und holen sie ab, damit sie ihren Mann identifiziert.2

Das Verfahren

Am 21. Dezember 1992 werden Jens Sch. und sein Mitbewohner Marco V. von der Polizei als dringend tatverdächtig verhaftet. Laut Staatsanwalt Hans-Dieter Bammer gehören beide Täter zur rechten Szene.3 Die Polizei weist dies jedoch später zurück.4 Marco V. wird einen Tag später wieder aus der U-Haft entlassen, da sich der Tatverdacht gegen ihn nicht bestätigen lässt. Gegenüber der Polizei sagt Jens Sch. „Der Mann war einfach da. Es hätte auch jeden anderen treffen können.“5 Auf Befragung gibt er jedoch zu, er habe gedacht, Hans-Jochen Lommatzsch sei ein Autodieb.6 Einem Bekannten erzählt er einen Tag nach der Tat, von einer „Schlägerei mit einem Autoknacker“. Eine mögliche rechte Einstellung des Täters und mit verbundene politische Tatmotive spielt laut dem Bericht des Moses Mendelssohn Zentrum im polizeilichen Ermittlungsverfahren kaum eine Rolle und wird im Gerichtsprozess nicht mehr thematisiert. Ein Zeuge sagt aus, beide Tatverdächtige (zu diesem Zeitpunkt wird Marco V. noch als zweiter Tatverdächtiger geführt) seien „sehr rechtsradikal“. Weitere Zeugenaussagen gibt es dazu nicht. Seine Zugehörigkeit zur rechten Skinheadszene ist jedoch durch Fotos und Polizeivermerke belegt.7 Das Bezirksgericht Potsdam verurteilt den 26jährigen Jens Sch. im Oktober 1993 wegen Totschlags zu 8 Jahren Freiheitsstrafe.8

Nach Bewertung der neuen Informationen ist nicht davon auszugehen, dass der Mord von Hans-Jochen Lommatzsch politisch motiviert war, da weder die Opferauswahl, noch die Umstände der Tat dafür sprechen, und es keine starken Indizien gibt, dass Jens Sch. zur rechten Szene gehörte.

Die Quellen

1 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 64
2 Die Frage nach dem ´Warum?´ ist unbeantwortet , in: Oranienburger Generalanzeiger v. 30./31.10.1993 und Todschlag wird neu aufgerollt, in Oranienburger Generalanzeiger v. 15.12.2012
3 Skinheads traten Mann tot: Er wollte zu seinem Auto, in: Berliner Kurier v. 23.12.1992
4 Ein Tatverdächtiger wieder auf freiem Fuß, in: Märkische Allgemeine Zeitung v. 24.12.1992
5 Skinheads traten Mann tot: Er wollte zu seinem Auto, in: Berliner Kurier v. 23.12.1992
6 Die Frage nach dem ´Warum?´ ist unbeantwortet , in: Oranienburger Generalanzeiger v. 30./31.10.1993
7 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 66-67
8 Die Frage nach dem ´Warum?´ ist unbeantwortet , in: Oranienburger Generalanzeiger v. 30./31.10.1993