Kajrat Batesov

Kajrat Batesov
Foto: privat

Der 24jährige Kajrat Batesov lebt seit einem halben Jahr in Deutschland. Gemeinsam mit seiner Mutter, seinem jüngeren Bruder und seiner Großmutter wohnt er in Freyenstein, einer kleinen Gemeinde nördlich von Wittstock. Die deutsch-russische Familie ist aus Almati/Kasachstan hergezogen, und versucht, sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Kajrats Ehefrau und sein kleiner Sohn sind nicht mit nach Deutschland ausgewandert. Es ist geplant, dass sie später nachkommen. Eigentlich wollte die Familie nach Süddeutschland zu ihrer Verwandtschaft, aber das Aufnahmegesetz sieht für Aussiedler_innen eine dreijährige Wohnsitzauflage vor. So hat es die Familie im November 2001 nach Freyenstein in Brandenburg verschlagen. Es ist nicht einfach für die Aussiedlerfamilie, dort zu leben. Ihnen wird mit Ablehnung und Argwohn begegnet. Wenn die Brüder mit ihren Rädern nach Wittstock zur Schule oder zum Schwimmen fahren, werden sie von anderen Jugendlichen schon mal angehalten, beschimpft und bedroht. „Scheiß Russen“ hören sie oft, dabei fliegen manchmal auch Flaschen. Die Mutter von Kajrat erlebt ebensolche Anfeindungen – auf der Straße, beim Einkaufen oder im Bus auf dem Weg zum Sprachkurs nach Wittstock.1 Statt Integrationsangeboten gibt es Anfeindungen, Diskriminierung und Gewalt.

Der Ort

Die rechte Szene hat Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) schon in den 1990iger Jahren fest im Griff. Straf organisierte Neonazis und ein große, äußerst gewaltaffine rechte Subkultur dominieren die Jugendkultur in der nördlichen Brandenburger Kleinstadt und lassen keine anderen Jugendszenen bestehen. Alle, die sich dem hegemonialen Druck nicht beugen wollen, werden bedroht, zusammengeschlagen, aus der Stadt vertrieben. Seit den frühen 1990iger Jahren gibt es ein Übergangswohnheim für BürgerInnen, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken eingewandert sind. In der Dosse-Stadt ist nach der Wende die Industrie fast völlig zusammengebrochen und die mit Arbeitslosigkeit und Abwanderung zu kämpfen hat. Die massivsten Probleme bestehen zwischen alteingesessenen und neuzugezogenen Jugendlichen. In der Stadt leben sonst nur wenige MigrantInnen. Der Brandanschlag auf ein Döner-Bistro erlangt 1999 bundesweite Aufmerksamkeit. Danach gründet sich ein lokales Aktionsbündnis gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit, das sich gegen die rechten Untriebe und gegen Rassismus engagiert. Kurz nach der Jahrtausendwende ist die NPD hier sehr aktiv. Sie marschiert in nur neun Monaten sechsmal durch die im nördlichen Brandenburg gelegene Kleinstadt. Laut Polizei stiegen die rechten Straftaten allein in 2001 um 40 Prozent.2

Die Tat

Am 3. Mai 2002 unterschreibt Kajrat den Mietvertrag für seine eigene Wohnung in Wittstock. Gemeinsam mit seinem Freund Maxim K. fängt er noch am gleichen Tag an, zu renovieren. Am Abend fahren sie mit ihren Rädern nach Alt-Dabern, einem Ortsteil von Wittstock. Im dortigen Übergangsheim für AussiedlerInner wohnt Maxim. Als sie durch den Ort kommen, schallt ihnen aus einer Kneipe Techno-Musik entgegen – für die kleine Ortschaft sehr ungewöhnlich. Die beiden beschließen, später noch einmal bei der Tanzveranstaltung vorbei zu schauen. Gegen Mitternacht fahren die Freunde mit ihren Rädern die wenigen Meter zur Diskothek, die in den Räumen der ehemaligen Gaststätte „Waldeslust“ stattfindet. Im Verlauf des Abends kommt es auf der Techno-Disko immer wieder zu Streitigkeiten zwischen einzelnen Besuchern. Der spätere Haupttäter und ein Mittäter sind häufig an ihnen beteiligt. Jedoch gehen immer andere Gäste dazwischen, schlichten oder intervenieren. In der Diskothek unterhalten sich die beiden jungen Männer in ihrer Muttersprache Russisch. Mädchen sprechen sie nicht an. Sie wissen, dass es dann nur Ärger mit den einheimischen Männern gibt.3 Von den anderen Gästen werden sie schnell als Aussiedler identifiziert. Als „Fremde“ erregen sie Aufmerksamkeit. Genauso schnell merken die beiden, dass sie hier nicht erwünscht sind. Beim Tanzen werden sie angerempelt, ihnen werden böse Blicke zugeworfen. Sie werden beschimpft, können aber nicht verstehen, was genau gesagt wird. Trotzdem spüren sie eine für sie nicht erklärbare Bedrohung und erinnern sich an die vielen Warnungen, besser nicht in Diskos zu gehen. Sie überlegen, wie sie aus der Situation am besten herauskommen, und entscheiden sich dafür, im Hintergrund zu bleiben und abzuwarten, bis die meisten Gäste gegangen sind. Mit Beginn des Aufräumens verlassen die beiden gegen vier Uhr die Räume. Vor der Tür stehen noch viele Leute. Kajrat und Maxim wollen zu ihren Fahrrädern gehen. Was dann genau passiert, kann vom Gericht nicht detailliert geklärt werden. Möglicherweise empfinden einige Personen die bloße Anwesenheit der beiden Aussiedler als Provokation, möglicherweise bitten die beiden andere Gäste in gebrochenem Deutsch um eine Zigarette, was diese „nervt“. Es kommt zu einem kurzen Streitgespräch. Man ist sich einig, die beiden Aussiedler sind unverschämt und wollen provozieren. So wird beschlossen, ihnen einen „Denkzettel“ zu verpassen. Dabei wollen die Angreifer nach eigenen Angaben „ihr Revier“ gegen „Fremde“ und „Russen“ verteidigen. Als die beiden sich schon abgewandt haben, gehen sie hinterher und greifen von hinten an. Gegen die Übermacht haben die beiden jungen Männer keine Chance. Sie werden von den fünf zwischen 20 und 22 Jahre alten Angreifern, die sich selbst zur Techno-Szene zählen, solange geschlagen und getreten, bis beide am Boden liegen. Einer der Täter ist Ralf A. Er setzt sich auf den Oberkörper von Kajrat Batesov und schlägt immer wieder mit Fäusten auf dessen Gesicht sein. Marko F. tritt immer wieder mit voller Wucht gegen Kopf und Körper der beiden am Boden liegenden. „Bleib endlich liegen, Scheißrusse.“4, ruft er dabei zu Maxim, wie ein Zeuge im späteren Gerichtserfahren aussagt. Da A. auf Kajrat sitzt, kann er sich nicht gegen die Tritte schützen. Schließlich liegt er bewusstlos oder so benommen auf dem Rücken, dass er sich nicht mehr bewegt. Ralf A. sitzt über Kajrat, zeigt mit dem Finger auf ihn und sagt etwas wie „Unser Land und ihr seit die, die ...“5 Mehr versteht der ältere Mann nicht, der aus seiner Wohnung das Geschehen beobachtet und die Polizei verständigt. Auch Maxim liegt inzwischen wehrlos auf der Seite und versucht nur noch, seinen Kopf gegen die Tritte und Schläge zu schützen. Dann nimmt Patrick Sch. einen 17 Kilogramm schweren Feldstein, hebt ihn über den Kopf und schleudert ihn mit voller Wucht auf den ungeschützten Oberkörper von Kajrat. Anschließend geht er mit dem Stein zu dem ca. 5 Meter entfernt liegenden Maxim, hebt ihn wieder über den Kopf und schmeißt ihn auf diesen. Dabei trifft er vermutlich nur die Hüfte von Maxim. Die Tat beobachten einige Dutzend DiskobesucherInnen. Nach dem Steinwurf steigen die Täter in ihre Autos und verlassen den Tatort. Nur der völlig betrunkene Mike S. tritt immer weiter auf Maxim K. ein, bis ihn endlich anderen Leute von dem Verletzten wegziehen.
Kajrat wird im Krankenhaus Pritzwalk ins künstliche Koma versetzt, da seine inneren Organe schwer verletzt sind. Daraus erwacht er nur noch einmal für wenige Stunden, bevor er drei Wochen später, am 23. Mai, seinen schweren Verletzungen erliegt. Kajrat Batesov hinterlässt seine Mutter, seinen jüngeren Bruder, seine Frau und seinen Sohn. Maxim K. überlebt den Angriff.6

DAS Verfahren

Am 04. Oktober 2001 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage wegen gemeinschaftlichen Totschlags gegen vier Beschuldigte und wegen gefährlicher Körperverletzung gegen einen fünften jungen Mann. Die Staatsanwaltschaft schließt ein mögliches „fremdenfeindliches Tatmotiv“ ausdrücklich nicht aus. Zwar sind die Angeklagten nach eigenen Angaben nicht Teil der rechten Szene und bei Hausdurchsuchungen wurden keine CDs mit rechtem Inhalt oder neonazistische Propagandaschriften gefunden, doch weist die rassistische Beschimpfung „Scheiß Russe“ auf eine rassistische Motivlage hin. Im späteren Prozess wird der Angeklagte Mike S. seine ablehnende Einstellung gegenüber Aussiedlern als „normal“ in Wittstock beschreiben und einräumen: „Dass ich niemals rechts war, will ich nicht sagen“.7 Bei der Festnahme stellt die Polizei sein Handy mit einen Adler-Symbol mit Hakenkreuz sicher. Daneben prankt der Schriftzug „Immer, ewig“.8 Er war bereits vor dem Angriff auf Kajrat und Maxim an einem Angriff auf Aussiedler in Wittstock beteiligt.

Im Januar 2003 beginnt der Prozess gegen fünf junge Männer vor der Jugendstrafkammer des Landgerichts Neuruppin. Die Täter räumen zwar die Schläge und Tritte ein, den Stein will jedoch niemand geworfen haben. Auch eine rassistische Tatmotivation streiten alle ab. Nach den vielen Prozesstagen spricht die Staatsanwaltschaft Neuruppin und die Nebenklage von einer „Mauer des Schweigens“, mit der ein Großteil der über 50 Zeugen und Zeuginnen versucht, die schweigenden Angeklagten zu schützen. Fast alle haben angeblich nichts gesehen oder nichts gehört.9 Der Staatsanwalt leitet mindestens 14 Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage und unterlassener Hilfeleistung ein.10 Die Mutter von Kajrat richtete sich am letzten Verhandlungstag direkt an die jungen Männer, die für den Tod ihres Sohnes verantwortlich sind, aber kein Zeichen der Reue zeigen: „Ich habe das Gefühl, dass ein Mensch, der nicht Ihre Sprache spricht, Ihnen nichts wert ist.“ Das Gericht ist am Ende überzeugt, dass eine „diffuse Fremdenfeindlichkeit“ der Täter für die Tatbegehung mitverantwortlich war. Es verurteilt im März 2003 den Haupttäter Patrick Sch. wegen Totschlags und versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 10 Jahren. Die anderen Angeklagten erhalten Freiheitsstrafen von einem bis sieben Jahre wegen Totschlags bzw. wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Die Kammer schließt zwar ein rechtsextremes Tatmotiv aus, aber eine „diffuse Fremdenfeindlichkeit schwang die ganze zeit unterschwellig mit, so die Vorsitzende Richterin in ihrer mündlichen Urteilsbegründung. Die beiden Aussiedler wurden als „Fremde“ identifiziert und die Täter empfanden es „als Unverschämtheit“, ausgerechnet von diesen nach Zigaretten gefragt zu werden. Deshalb wurden beide aus einer Mischung von „Imponiergehabe, Hemmungslosigkeit, Betrunkenheit und 'Revierverteidigung'“ angegriffen, so die vorsitzende Richterin weiter.11 Dem Gericht reichen jedoch die rassistischen Beschimpfung „Scheiß Russe“, der bruchstückhaft gehörte Satz „Ihr seit die, die... unser Land“ und das auf dem Handydisplay gefundene Hakenkreuz als Beweise nicht aus, um „eine ausländerfeindliche Grundhaltung, Ausländerhaß oder ein allgemeines Überlegenheitsgefühl als konkreten, ausschlaggebenden Grund für die Auseinandersetzung mit den Geschädigten […] annehmen zu können“ und urteilt entsprechend zugunsten der Angeklagten. Ein fremdenfeindliches Motiv als Auslöser für die Tat wäre im Sinne eines niedrigen Beweggrunds ein Mordmerkmal gewesen und hätte eine Verurteilung wegen Mordes zur Folge gehabt.

Die Nebenklagevertretung der Mutter von Kajrat wertet die Tat als Mord. „Ein latenter, tief verwurzelter Rassismus“ habe dazu geführt, dass im Verlauf des Diskoabends mehrere andere Auseinandersetzungen unter einheimischen Jugendlichen unblutig beendet wurden, während die Angreifer bei Kajrat B. und Maxim K. – im Wissen um deren Herkunft als Russlanddeutsche – hemmungslos zuschlugen und zutraten. Sie verweist dabei u.a. auf eine Zeugenaussage, dass es bereits bei der Veranstaltung die Verabredung gegeben hätte, die beiden als „Fremde“ identifizierten Aussiedler nach Verlassen der Gaststätte anzugreifen.12
Die Opferperspektive kannte die Familie von Kajrat bereits vor dem Mord und begleitete seine Mutter anschließend durch das langwierige Gerichtsverfahren. Wir sind davon überzeugt, dass Rassismus mindestens tatbegleitend und tateskalierend eine Rolle spielte und werten deshalb den Tod von Kajrat Batesov als rechtes Tötungsdelikt.

Das Gedenken

Nach dem Kajrat am 23. Mai verstorben ist, nehmen drei Wochen später 200 Menschen an einem Schweigemarsch und Gottesdienst zu seinem gedenken teil.13 Auch die lokale NPD versucht, sich dem Trauerzug anzuschließen und den Tod des Spätaussiedlers für sich zu instrumentalisieren. Sie argumentierten, dass Kajrat Batesov als Spätaussiedler schließlich „Volksdeutscher“ gewesen sei. Ein weiteres Gedenken fand nicht statt. Ein Jahr nach dem Tod von Kajrat Batesov richten Stadt und Landkreis auf Initiative der Kirche, des Aktionsbündnis und anderen Unterstützern ein „Haus der Begegnung“ für Spätaussiedler und Alteingesessene ein. Erst zehn Jahre später erinnern sich Menschen in Wittstock, im Rahmen von Gegenaktivitäten zu einem Neonaziaufmarsch, in eine Gedenkveranstaltung an den getöteten jungen Mann.14 LINK zum Gedenken setzen

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Die Quellen

1 taz, Von der Fremde in die Fremde, 1.7.2002.
2Opferperspektive, 14.6.2003: Der Tod von Kajrat Batesov
3 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 158-159
4 Urteil Landgericht Neuruppin
5 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990““, 2015, S. 147
6 Urteil Landgericht Neuruppin
7 Frankfurter Rundschau, 04.03.2003: Die „sozial angepassten“ Männer haben brutal zugeschlagen
8 Tagesspiegel, 7.01.2003: Mit Schlägen, Tritten und einem Stein gegen Spätaussiedler. Am Mittwoch beginnt der Prozess zum Tod von Kajrat Batesov.
9 Opferperspektive, 12.2.2003: Erneut zwei Zeugen wegen Falschaussage aus dem Gerichtssaal verhaftet.
10 taz, 3.3.2003: Keiner will den Stein geworfen haben.
11 Frankfurter Rundschau, 04.03.2003: Die „sozial angepassten“ Männer haben brutal zugeschlagen; taz, 4.3.2003: Wittstock: Haft für Totschläger
12 taz, 3.3.2003: Keiner will den Stein geworfen haben
13 Berliner Zeitung, 8.6.2002, Gedenkmarsch für getöteten Aussiedler Inforiot, 7.6.2002: Gedenkdemo für verstorbenen Spätaussiedler in Wittstock
14 PNN: Blockade, die nächste, 2.5.2012

Das Leben der Russlanddeutschen in Wittstock:

„Ein Gefängnis ohne Gitter“

Die Unterstützung russlanddeutscher AussiedlerInnen in Wittstock war 2002 ein Schwerpunkt der Opferperspektive

Der Schock hätte nicht größer sein können. Am Samstag, dem 4. Mai 2002, klingelte das Mobiltelefon der Opferperspektive. Kajrat Batesov, ein 24-jähriger Russlanddeutscher, und sein Freund Max K. waren am frühen Morgen nach einem Partybesuch in Wittstock angegriffen und brutal zusammengeschlagen worden. Max K. berichtete später, dass die beiden bemerkt hatten, dass sie auf der Techno-Veranstaltung als Russlanddeutsche „erkannt“ wurden und offenbar „nicht erwünscht“ waren. Mindestens fünf Personen hatten die beiden Freunde mit Tritten und Schlägen traktiert. Einer der Täter hatte schließlich einen schweren Feldstein auf Kajrat Batesov geschleudert. Zum Zeitpunkt des Anrufs lag der 24-Jährige auf der Intensivstation des Krankenhauses. Er verstarb auf Grund schwerer innerer Verletzungen am 23. Mai 2002. „Ein rechtsextremer Hintergrund ist nicht auszuschließen“, ließ die Staatsanwaltschaft zunächst verlauten. Die fünf jungen Männer, die im Verlauf der kommenden Wochen verhaftet wurden, galten jedoch nicht als Angehörige der rechten Szene.

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Zwei MitarbeiterInnen der Opferperspektive hatten Kajrat Batesov einige Wochen zuvor kennen gelernt. Bei einem Besuch der Familie Batesov in Freyenstein nordwestlich von Wittstock hatten Kajrat und sein Bruder berichtet, wie schwierig sich das Leben für die NeuansiedlerInnen gestaltete. In der 200-Seelen-Gemeinde hatte die Familie keine Kontakte. Die Stimmung sei feindselig, und man vermeide es deshalb, das Haus „unnötig“ zu verlassen. Einige Male seien Kajrat und sein Bruder zum Marktplatz gegangen, aber seitdem Jugendliche ihnen Bierflaschen hinterhergeworfen hatten, mieden sie auch diesen Ort. „Wie in einem Gefängnis ohne Gitter“ – so beschrieb Kajrats Mutter Raissa Batesova die Lage der Familie. Andere Familien, die aus Russland in die Umgebung von Wittstock gekommen waren, berichteten von ähnlichen Erfahrungen. Die MitarbeiterInnen gewannen den Eindruck, dass die AussiedlerInnen in der Region unter einem enormen Druck standen. Das quantitative wie qualitative Ausmaß der Feindseligkeiten gegen AussiedlerInnen schien in Wittstock im Vergleich zu anderen Brandenburger Kommunen außerordentlich hoch zu sein. Die Mehrzahl der Betroffenen zeigte sich aus Angst vor möglichen Folgen nur bereit, in anonymer Form über Angriffe und Beleidigungen zu berichten. Insgesamt dominierte bei den Betroffenen eine passive und abwartende Haltung. Nur wenige sahen einen Sinn darin, die Angriffe bei der Polizei anzuzeigen. Dies erklärt sich unter anderem damit, dass der überwiegende Teil der AussiedlerInnen mit der Perspektive lebt, den Landkreis gen Westen zu verlassen, sobald es diegesetzlichen Bestimmungen erlauben.

Wittstock, Wittstock

Kurze Haare, Glatzen, Springerstiefel, Bomberjacken – die rechtsextreme Symbolik ist auf den Straßen Wittstocks alltäglich, die Dominanz rechter Jugendkultur mit Händen zu greifen. Eine alternative, linke Subkultur hingegen ist in der Stadt nicht erkennbar. Schon seit mehreren Jahren gilt Wittstock als eines der Zentren der rechten Szene im nördlichen Brandenburg. Unter ihrem Kreisverbandsvorsitzenden Mario Schulz verfolgt die NPD hier erfolgreich die Strategie, lose rechte Cliquen an die Partei zu binden. Die Polizei reagierte auf den Anstieg „extremistischer Straftaten“ mit der Einrichtung der Sonderkommission „Täterorientierte Maßnahmen gegen extremistische Gewalt“ (TOMEG) im Frühjahr 2002. Die TOMEG Nord befasst sich mit RechtsextremistInnen in Wittstock, Pritzwalk sowie im südlichen Mecklenburg. Nach eigenen Angaben umfasst ihr Klientel 115 „gewalttätige und dabei oft rechtsextreme“ Männer, darunter 60 Wittstocker. Zum ideologisch harten Kern werden in Wittstock 15 Personen gezählt (Märkische Allgemeine Zeitung, 20.3.2002).

Auch die Stadt Wittstock zeigt Initiative. Nachdem im Herbst 2001 eine Versammlung von etwa 60 RechtsextremistInnen in einem Jugendclub der Stadt durch einen Polizeieinsatz aufgelöst werden musste, wurde das „Bündnis für ein tolerantes Wittstock – couragiert gegen Rechts“ gegründet. Getragen wird das Bündnis vor allem von MitarbeiterInnen der städtischen Verwaltung und einigen wenigen engagierten BürgerInnen. Wie in vielen anderen Kommunen zeigen sich hier die strukturell eingeschränkten Wirkungsmöglichkeiten eines Bündnisses gegen Rechts, wenn an der kommunalen Basis keine alternative Gegenkultur vorhanden ist.

„Die sind selbst schuld, wenn sie angegriffen werden.“ Russlanddeutsche werden nicht als Opfer anerkannt.

Im Frühjahr 2002 entschloss sich das Team der Opferperspektive, die Kontakte zu Kooperationspartnern und kommunalen Funktionsträgern zu nutzen, um als Interessenvertretung der AussiedlerInnen über deren Situation zu informieren und damit zu einer Sensibilisierung beizutragen. Die Beschränkung dieser Strategie war von Anbeginn offensichtlich, schien aber auf Grund der vorgefundenen Situation unumgänglich: Die OpferberaterInnen wussten um mehrere Angriffe, die Betroffenen aber lehnten es ab, die Öffentlichkeit mit ihrer Situation zu konfrontieren. Die Strategie der Opferperspektive wurde mit den KollegInnen des Mobilen Beratungsteams abgestimmt, die innerhalb des Bündnisses eine moderierende Funktion innehatten. Parallel dazu setzten die OpferberaterInnen die Besuche bei betroffenen Familien fort, um weiteres, zumeist anonymes Material über die Diskriminierung der AussiedlerInnen zusammenzutragen.

Sehr schnell wurde deutlich, dass sowohl MitarbeiterInnen der städtischen Verwaltung als auch Mitglieder des Bündnisses gegen Rechts sich außerordentlich schwer taten, Russlanddeutsche als Betroffene von rassistischer Gewalt wahrzunehmen. Antworten wie „Die sind ja auch selbst schuld, wenn sie angegriffen werden“ waren eher die Regel als die Ausnahme. Diese Erfahrung kann in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang eingeordnet werden. Der Gruppe der Russlanddeutschen wird zunehmend ein tendenziell zu selbstständiges, mitunter abweisendes Verhalten gegenüber der Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben; eine Wahrnehmung, die quer zur sozialen Konstruktion des „idealen Opfers“ steht. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen haben darauf hingewiesen, dass die Zubilligung eines Opferstatus eng an bestimmte Verhaltensregeln geknüpft ist: Dem „idealen Opfer“ sollte von einem unbekannten, körperlich überlegenen Täter eine Gewalttat angetan worden sein, das Opfer sollte sich auf keinen Fall provokativ verhalten haben, sich nicht an einem unsicheren Ort aufgehalten haben und sich jederzeit kooperativ gegenüber Polizei und den Ermittlungsbehörden verhalten (vgl. hierzu Nils Christie, The Ideal Victim, New York 1986). Diese Verhaltensmaßstäbe stehen in deutlichem Widerspruch zur Wahrnehmung der Gruppe der AussiedlerInnen, nicht nur in Wittstock.

Der Tod von Kajrat Batesov hat viel(e) bewegt

Der Tod von Kajrat Batesov markierte einen gewaltsamen Einschnitt. Ab Ende Mai 2002 erschien eine Reihe von Artikeln und Fernsehbeiträgen, die anlässlich des aktuellen Falles die Situation von AussiedlerInnen in Wittstock thematisierte. Innerhalb der Kommune konnten sich mit dem Rückenwind der Medienberichterstattung zunehmend jene durchsetzen, die den Ernst der Lage erkannt hatten. Aber auf Grund der jahrelangen Vernachlässigung integrativer Maßnahmen bestand kaum Kontakt zu AussiedlerInnen. Die Opferperspektive als einzige Organisation mit einer solidarischen Beziehung zu AussiedlerInnen wurde in dieser Lage zu einer wichtigen Brücke zwischen der Kommune und der russischdeutschen Gemeinde. Um diese Situation im Sinne der Betroffenen zu nutzen und deutlich zu machen, dass der Tod von Kajrat Batesov als die Spitze des Eisberges zu begreifen ist, beteiligte sich die Opferperspektive an einer Vielzahl von Gesprächsrunden. Mehrfach drängten die OpferberaterInnen die kommunalen Verantwortlichen im Bündnis gegen Rechts, endlich auf die AussiedlerInnen zuzugehen. Die Opferperspektive führte auch verschiedene Einzelgespräche mit Polizei, JugendsozialarbeiterInnen und KirchenvertreterInnen, in denen immer wieder das Ausmaß der Angriffe und Diskriminierungen gegen AussiedlerInnen thematisiert wurde.

Inzwischen ist die Stadt auf die russischdeutsche Gemeinde zugegangen. Eine Vielzahl von Maßnahmen zur Integration sind angelaufen. Dass der Ausgangspunkt dieser erfreulichen Entwicklungen in dem unnötigen und nicht wiedergutzumachenden Tod von Kajrat Batesov liegt, verleiht ihnen allerdings einen bitteren Beigeschmack.

Die Täter: durchschnittlich intelligent, sozial angepasst, fremdenfeindlich

Der Prozess gegen fünf Täter begann im Januar 2003 und endete nach 14 Prozesstagen im März 2003. Der 23-jährige frühere Dachdeckerlehrling Patrick Sch. wurde als Haupttäter zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die zuständige Jugendkammer des Landgerichts Neuruppin zeigte sich überzeugt, dass er es war, der den 17 Kilogramm schweren Feldstein auf den am Boden liegenden Kajrat Batesov geschleudert hatte. Vor diesem Steinwurf, der nach Aussagen eines unbeteiligten Zeugen mit großer Wucht ausgeführt wurde, hatten drei der Täter Kajrat Batesov und seinen Freund Max K. bereits durch Schläge und Tritte schwer verletzt. Sie erhielten Haftstrafen zwischen zweieinhalb und sieben Jahren. Der fünfte Täter kam mit einem Jahr auf Bewährung davon. Er hatte versucht, eines der Opfer zu schlagen und später die Mittäter nicht zurückgehalten.

Die jungen Männer, die sich selbst als „Techno-Clique“ beschrieben, waren bemüht, sich von der organisierten rechten Szene Wittstocks abzugrenzen. Zwar kenne man sich – so der Angeklagte Mike Sch. am ersten Prozesstag –, jedoch höre man andere Musik. Allerdings wird gerade ihm, der im Jahr 2001 schon einmal an einem Übergriff gegen AussiedlerInnen beteiligt gewesen sein soll und auf dessen Handy die Polizei damals ein Hakenkreuz-Symbol fand, eine große Nähe zur rechten Szene nachgesagt. Nicht so den anderen Angeklagten. Nichts an ihnen schien das Klischee tumber Glatzköpfe zu bedienen. Das Gericht bescheinigte ihnen vielmehr eine „durchschnittliche Intelligenz, soziale Angepasstheit und ein geordnetes familiäres Umfeld“.

Allerdings gestand Marco F., dass er „Bleib endlich liegen, Scheiß-Russe“ rief, während er mindestens zehn Mal hart zutrat. Und der Angeklagte Ralf A. soll, während er auf Kajrat Batesov saß und ihn mit beiden Fäusten traktierte, ausgerufen haben: „Ihr seid die, die unser Land ...“ Das Gericht zeigte sich am Ende davon überzeugt, dass „die Tat auch darauf beruhte, dass es sich bei den Geschädigten um Fremde handelte“, den Tätern bescheinigte die Richterin eine „diffuse Fremdenfeindlichkeit“.

Die ZeugInnen: Eine Mauer des Schweigens

Raissa Batesova, die Mutter des Toten, trat mit dem überlebenden Opfer Max K. als Nebenklägerin im Prozess auf. Am letzten Tag des Verfahrens richtete sie das Wort an die Angeklagten: „Das Leben eines Menschen, der nicht ihre Sprache spricht, ist ihnen nichts wert“. Nach zwei Monaten, in denen sie dem Prozess beigewohnt habe, so Frau Batesova, sei ihr deutlich geworden, dass die Angeklagten weder Reue noch Schuld fühlten. Frau Batesova hatte zudem den Eindruck gewonnen, dass sich „eine ganze Stadt mit diesen jungen Menschen solidarisch erklärt“. Sie könne einfach nicht glauben, dass „so viele Menschen dabei waren und sagen, sie hätten nichts gesehen“. Damit hatte die Mutter des Toten die mehr als 40 ZeugInnen aus der Techno-Szene Wittstocks im Blick. Obwohl Dutzende der Tat zugesehen haben müssen, fand sich niemand, der den Steinwurf bezeugen wollte. Vielmehr werden sich 14 ZeugInnen wegen falscher Aussage vor Gericht verantworten müssen. Lediglich ein unbeteiligter Nachbar, der zufällig aus dem Fenster gesehen hatte, bezeugte mit stockender Stimme, wie eine Person den schweren Stein mit Wucht auf den am Boden liegenden Mann geworfen hatte.

Diese „Mauer des Schweigens“, wie der Staatsanwalt sich ausdrückte, zeugt von einem stillen Einverständnis zwischen den Tätern und der Mehrzahl der ZeugInnen. Die Ursache dieser unreflektierten Solidarität ist in einer Mischung aus kleinstädtischem Milieuverhalten und einer geteilten rassistischen Einstellung zu suchen. Die entsprechende Haltung war während des Prozesses auch bei vielen der ProzessbesucherInnen zu spüren. So konnte man sich verschiedentlich, auf Grund der ab und zu auftretenden Heiterkeit auf den Zuhörerbänken, nicht des Eindrucks erwehren, es würde ein Jugendstreich verhandelt und nicht der tragische Tod eines Menschen. Bis zum Schluss blieb der Eindruck bestehen, dass ein Großteil der regelmäßig anwesenden ZuhörerInnen aus dem sozialem Umfeld der Täter das Ausmaß an Menschenverachtung, das dem Tatgeschehen innewohnt, nicht begriffen hat.

Der Wittstocker Bürgermeister zeigte sich nach der Urteilsverkündung zufrieden. Dass er allerdings betonen musste, Wittstock sei „nicht rechter als andere Städte in Brandenburg“, zeugt mehr von dem Wunsch nach trügerischer Normalität als von einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit der Tat, ihren Umständen und den Verhältnissen, die sie ermöglichte.