Marinus Schöberl

Marinus Schoeberl
Foto: privat
DIE TAT

12. Juli 2002. Die Brüder Marco und Marcel S. sowie Sebastian F., die drei späteren Täter machen sich auf den Weg nach Strehlow, einem Nachbarort der uckermärkischen Ortschaft Potzlow. Sie wollen dort eine Familie besuchen, bei der sie sich schon öfter zum gemeinsamen Trinken verabredet hatten. Bei diesen Bekannten treffen sie auf Marinus Schöberl. Nachdem die Alkoholvorräte der Familie aufgebraucht sind, ziehen die Täter und mit ihnen Marinus Schöberl zum Nachbargrundstück, um dort weiter zu trinken. Weil die Bewohner bereits schlafen, verschaffen sie sich gewaltsam Zutritt zu dem Haus, in dem sie eine Fensterscheibe zerschlagen. Irgendwann richten sich die Aggressionen gegen Marinus Schöberl. Der 16jährige trägt blond gefärbtes Haar und kleidet sich wie ein Angehöriger der Hip-Hop-Szene. Wegen eines Sprachfehlers stottert er ein wenig. Das macht ihn für die Täter zum Anderen, zum Minderwertigen, zu jemandem, den man schlagen kann.

„Mein Bruder Marco fing dann an, den Marinus zu beschimpfen. Er fragte und sagte immer wieder, ob er oder dass er ein Jude sei. Frau Spiering sagte, Marinus solle doch zugeben, dass er ein Jude sei, dann wäre Ruhe. Marinus hat dann irgendwann ja gesagt, dass er ein Jude sei. Ruhe war dann auch nicht. Dann ging es richtig los.“[1]

Die drei Täter flößen ihm nun eine Mischung aus Bier und Schnaps ein, so dass er sich übergeben muss. Sie schlagen ihn und Sebastian F. uriniert auf den bereits am Boden liegenden Jungen, der sich nicht gegen die Übermacht der Täter wehrt. Nach stundenlanger Quälerei verlassen die Täter gegen 04.30 Uhr das Grundstück. Marinus Schöberl bleibt zurück. Doch sie kehren zurück und zwingen Schöberl, sie zu begleiten. Auf einem ehemaligen LPG-Gelände setzten sie ihre Misshandlungen fort. Dann beschließen sie, eine Szene aus dem Film „American History X“ nachzustellen. Marinus Schöberl muss in einen Schweintrog beißen. Marcel S. tritt ihm in den Nacken. Marinus Schöberl erleidet eine tödliche Verletzung, röchelt aber noch. Kurz diskutierten sie, ob ein Arzt geholt werden soll. Die beiden Brüder entscheiden sich jedoch dagegen, weil sie die Aufdeckung ihrer Tat befürchten. Marcel S. erschlägt stattdessen den schwerverletzten Marinus Schöberl mit einer Betonplatte. Seinen leblosen Körper werfen sie in eine Güllegrube.

NACH DER TAT

Die Mutter von Marinus meldet ihren Sohn als vermisst. Weder Täter noch Zeugen, wie das Paar in dessen Wohnung, die Tortur ihren Anfang genommen hatte, sagen bei ihrer polizeilichen Vernehmung etwas zu den Geschehnissen vom 12. Juli und zum Verschwinden von Marinus Schöberl. Vier Monate lang bleibt unklar, was mit dem Jugendlichen passiert ist. Im November 2002 finden andere Jugendliche den Leichnam in der Jauchegrube. Marcel S. hatte sich im Alkoholrausch verraten und eine Wette mit anderen Jugendlichen abgeschlossen, dass er wisse, wo Schöberl sei. Die vier Jugendlichen begeben sich mit Marcel S. zur Jauchegrube und finden den Toten. Eine der Jugendlichen erzählte ihren Eltern von dem Fund. Diese raten ihrer Tochter ab, die Polizei zu informieren. Einen Tag später kehren sie mit einem guten Freund von Marinus Schöberl zurück. Erst dieser verständigt die Polizei. Zu diesem Zeitpunkt sitzt Marco S., ein bekennender Neonazi, bereits im Gefängnis, weil er in Prenzlau vier Wochen nach dem Mord einen afrikanischen Asylwerber zusammengeschlagen und schwer verletzt hatte.

DAS GERICHTSVERFAHREN

Nach der Festnahme der drei Täter lässt der leitende Staatsanwalt keinen Zweifel an deren Gesinnung: „Sie gehören ganz deutlich der extremen rechtsradikalen Szene an.“ Ihre Tat, so der Staatsanwalt weiter, sei „so furchtbar, dass wir sie auch nicht ansatzweise in der Öffentlichkeit preisgeben können“. Nachdem das Landgericht Neuruppin die grauenvollen Details rekapituliert hat, verurteilt es am 24. Oktober 2003 den 18jährigen Marcel S. wegen Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu einer Jugendstrafe von acht Jahren und sechs Monaten. Sein sechs Jahre älterer Bruder Marco S. wird wegen versuchten Mordes und anderer Delikte zu 15 Jahren Haft verurteilt. Der zum Tatzeitpunkt 17-jährige Sebastian F. erhält u.a. wegen gefährlicher Körperverletzung eine Jugendstrafe von zwei Jahren. In seiner Urteilsbegründung stellt das Gericht fest, dass die beiden Brüder bei der Tat ihrer rechten Einstellung folgten.

Mit dem verhängten Strafmaß bleibt das Gericht weit hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft, die für Marcel. S. zehn Jahre, für Sebastian F. neun Jahre und acht Monate und Marco S. lebenslange Haft gefordert hatte, zurück. Nach einer Revision vor dem Bundesgerichtshof erhöhte das Landgericht Neuruppin im Dezember 2004 die Jugendstrafe für Sebastian F. auf drei Jahre.

Das Gedenken
Über ein regelmäßiges öffentliches Gedenken ist uns nichts bekannt.

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Die Quellen

[1] zit. n. Dieter Wunderlich, Marinus Schöberl. Mord in Potzlow, http://www.dieterwunderlich.de/Marinus-Schoeberl-potzlow-mord.htm

weitere Quellen:

Der KICK,

Kurzbeschreibung:
Marinus Schöberl war 16 Jahre alt, als er von drei Kumpels gefoltert und durch einen »Bordsteinkick« zu Tode getreten wurde. Nachbarn hatten die Misshandlungen mit angesehen und über Monate geschwiegen. Dieser grausame Mord und seine furchtbaren Begleiterscheinungen rückten das uckermärkische Dorf Potzlow in die Schlagzeilen der internationalen Presse. In den Medien stand er sinnbildlich für rechtsradikale Gewalt und eine verrohte Gesellschaft in den fünf neuen Bundesländern.

Der Regisseur Andres Veiel und die Dramaturgin Gesine Schmidt haben sich über Monate auf Spurensuche nach Potz-low begeben. Sie sprachen mit den Tätern, Dorfbewohnern, Angehörigen von Opfer und Tätern und studierten Akten, Verhörprotokolle, Anklage, Plädoyers und Urteil des Gerichtsprozesses. Die Ergebnisse ihrer Recherche verdichteten sie zu einem filmischen Protokoll für zwei Schauspieler. Der Kick versucht, den Strukturen und Biographien hinter der Tat eine Sprache zu geben. „Es geht darum“, sagt Andres Veiel, „über das Entsetzen hinaus Fragen zuzulassen, Brüche auszuhalten und einen Bruchteil zu verstehen.“

Ein Film von Andreas Veiel.