Matthias Scheydt

Die Person

Über Mathias Scheydt, der 1958 in Bitterfeld geboren wurde, ist uns bekannt, dass er in Cottbus-Sachsendorf lebte und eine feste Arbeitsstelle hatte. Bekannte erinnern sich an ihn als einen ruhigen Menschen, „der bisher nie Streit ausgelöst hat“.1 Der 39jähige war alkoholkrank und verkehrte im Cottbuser Trinkermilieu. Immer wieder hatte er Anstrengungen unternommen, vom Alkohol wegzukommen; es lagen mehrere Entzugskuren hinter ihm.2

Der Ort

In Cottbus existiert 1997 eine seit langem sehr aktive extrem rechte Szene. Sie wird in ihrer Gesamtheit stark von den Stützpunkten der örtlichen NPD und ihrer Jugendorganisation JN beeinflusst. Beide stellen Propagandamaterial und Geld, z.B. für Flugblätter des Arbeitskreis Heimatschutz Cottbus, zu Verfügung, organisieren Fahrten zu Nazi-Demos und schulen ideologisch. Einer der bekanntesten Neonazikader ist Frank Hübner. Er war bereits kurz nach der Wende Vorsitzender der „Deutschen Alternative/DA“ und gründete nach einem Haftaufenthalt mit anderen 1999 den „Kampfbund Deutscher Sozialisten/KDA“ Die Mehrheit der rechten Szene gehört in der zweiten Hälfte der 1990iger Jahre jedoch zu Cliquen und zur rechten Subkultur, die sich in Schulen, Jugendclubs, Kneipen und Wohnvierteln treffen oder gemeinsam zu Fußballspielen von Energie Cottbus gehen. Hier wird der Nachwuchs rekrutiert. Jugendliche, die nicht zur rechten Szene gehören wollen, werden schikaniert und angegriffen. Vor allem Cottbus-Sachsendorf und Schmelwitz sind ihre Hochburgen. Dort kommt es bereits seit 1989 regelmäßig zu Überfällen auf Migrant_innen, alternative Jugendliche und Linke.

Die Tat

Am 23. September 1997 wird der 39jährige Mathias Scheydt in Cottbus erstochen. Der arbeitslose 19jährige Täter Reinhold K. ist ein bekennender rechter Skinhead. In den späteren Vernehmungen wird er als Motiv angeben, der ihm unbekannte Mathias Scheydt, welcher am Tattag ein rot-schwarzes Halstuch trug, hätte ihn in der Hegelstraße mit einem Stock bedroht und „wegen seiner augenscheinlichen Zugehörigkeit zur rechten Szene“ u.a. als „Nazischwein“ und „rechte Sau“ beschimpft.3 Da es keine Tatzeugen gibt, stützt sich das Landgericht Cottbus in seinem Urteil allein auf die Einlassung des Täters, obwohl es Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Darstellung geben sollte. So wird Mathias Scheydt von Bekannten als friedlicher Mensch beschrieben, der selbst unter Alkoholeinfluss keinen Streit suchte, sondern eher lustig war.4
Der Darstellung des Täters wird vom Gericht dennoch Glauben geschenkt.
Demnach folgte Mathias Scheydt dem Täter nach der verbalen Auseinandersetzung freiwillig zur nahegelegenen Lärmschutzwand an der Autobahn und bedrohte ihm dort wieder mit dem Stock. Der Skinhead, der laut Brandenburger Verfassungsschutz ein „extrem aggressiver Einzelgänger [ist], der seine rechtsextremen Ansichten offen kund tut“5, drückt Mathias Scheydt zu Boden, würgt ihn mit den Stock und sticht ihn mit einem Messer in den Oberkörper um ihm, nach eigenen Angaben, einen „Denkzettel“ zu verpassen. Kurze Zeit später holt er aus seiner Jackentasche ein bereits aufgeklapptes Messer und versetzt ihm damit einen Stich in den Oberkörper. Nach dem Stich lässt er kurz von dem am Boden Liegenden und seine Hand auf die Wunde pressenden Mathias Scheydt ab, geht zwei Schritte weg – dann beschließt er, den 39jährigen zu töten, da dieser ihn identifizieren könnte. Vorher zwingt er Mathias Scheydt, sich vollständig zu entkleiden. Der psychologische Gutachter begründet dies im Gerichtsverfahren mit dem Wunsch des Täters, sein Opfer zu demütigen und Macht zu demonstrieren. Dann tötet K. Mathias Scheydt, ihn wird am darauffolgenden Tag eine Fußgängerin finden, mit mehreren Messerstichen.6
Vier Tage später wird K. den 46jährigen Georg Jürgen Uhl wegen geringer Geldschulden töten.

Das Verfahren

Das Landgericht Cottbus verurteilt K. wegen zweifachen Totschlags in Tateinheit mit schwerer Brandstiftung zu acht Jahren Jugendstrafe.
Der Polizei war Reinhold K. bereits vor der Tat wegen Volksverhetzung und Verwenden von Kennzeichen verbotener Organisationen, aber auch wegen allgemeinkrimineller Delikte wie räuberischer Erpressung, KFZ-Diebstahl und Nötigung, bekannt. Im Polizei-System INPOL wird er als gefährlich eingestuft.7 Der psychologische Gutachter kommt in seinem Bericht für das Gericht zum Ergebnis: „Die Kriterien Empathie- und Verantwortungsmangel, vermindertes Schuldbewußtstein und die Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründig Rationalisierungen für das eigene Verhalten anzubieten, sind bei Herr K. deutlich nachweisbar. Und weiter heißt es, es ist „eher davon auszugehen, dass Herr K. gelernt hat, sich mit aggressivem Verhalten durchzusetzen und damit Akzeptanz oder gar Macht über andere auszuüben.“8

Das Gericht thematisiert die rechte Gesinnung des Täters und stellt im Urteil fest, tatauslösend seien die Beschimpfungen als „Nazischwein“ usw. gewesen. Es wird aber nicht explizit auf die politische Motivation für die Tat eingegangen.

Nach Recherchen in sozialen Netzwerken steht der Täter heute noch zu seiner rechten Gesinnung. Dort zeigt er sich als Anhänger der (Brandenburger) NPD und der JN. Auch Gewaltaufrufe gegen Asylsuchende sind auf seinem Profil zu finden.

Die Quelle

1 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 119
2 Ebd., S. 116.
3 Vgl den Artikel Faschistische Morde, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv (Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg – Update 1999, Berlin 1994, S. 27
4 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 119
5 Ministerium des Inneren des Landes Brandenburg, in: Verfassungsschutzbericht Brandenburg 1997, Potsdam 1998, S. 42
6 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 116-118
7 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 122
8 Ebd., S. 121