ecken-left

Noël Martin

16. Juni 1996

ecken-right

Noël Martin Foto: Carol Martin

Noël Martin wird am 23. Juli 1959 in Jamaika geboren. Seit seinem 11. Lebensjahr lebt er in Birmingham (Großbritannien). Als er 17 ist, wird sein Sohn Negus geboren [1]. Noël Martin schlägt sich mit verschiedenen Jobs durch, insbesondere als Gipser. Über die Jahre wird er zum selbstständigen Unternehmer [2]. Er liebt Musik, geht gern tanzen. [3] Seine große Leidenschaft sind Pferderennen. Auch seine langjährige Liebe Jacqueline lernt er 1981 in einem Wettbüro kennen, in dem er Pferdewetten abschließt [4]. 1995 kommt er im Auftrag einer niederländischen Firma nach Mahlow, um beim Aufbau mehrerer neuer Wohnblöcke mitzuarbeiten – er verrichtet dort Maurerarbeiten und verputzt die Gebäude. [5] Damit ist er eine von zehntausenden britischen Arbeitskräften, die zu dieser Zeit auf ostdeutschen Baustellen arbeiten. [6]

Der Ort

Noël Martins Aufenthalt als Schwarzer Mensch in Mahlow – einem kleinen Ort südlich von Berlin – ist geprägt von Alltagsrassismus und wiederholten Beleidigungen und Bedrohungen durch Neonazis. [7] Auch andere nicht-weiße Personen und Migrant_innen sind in Mahlow in den 1990er Jahren regelmäßig rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. [8] Der Bahnhofsvorplatz ist Mitte der 1990er ein Treffpunkt junger Rechtsradikaler und somit bekannt als Gefahrenzone für alle Menschen, die Rassismus erfahren oder anders aussehen als die Mehrheit. [9] Für Mitte/Ende der 1990er und Anfang der 2000er sind in der Gemeinde eine Vielzahl rechter Gewalttaten dokumentiert. [10] Dazu gehört etwa der Mord an Dieter Manzke am 09.08.2001 in Dahlewitz .

Noël Martin Noel Martin und seine Frau Jacqueline, Foto: Carol Martin
Die Tat

Im Juni 1996 sind die Arbeiten, für die Noël Martin nach Mahlow gekommen ist, abgeschlossen. In der Nacht des 16. Juni wollen Noël Martin und seine beiden Schwarzen Kollegen Arthur B. und Mikel R. zur nächsten Baustelle nach Halle (Saale) weiterfahren. Vorher gehen sie noch einmal in Berlin aus. Auf dem Rückweg halten sie kurz am Bahnhof Mahlow an, wo Noël Martin von einer Telefonzelle aus mit seiner Partnerin Jacqueline in Birmingham telefoniert. Auf dem Bahnhofsvorplatz werden sie von Neonazis rassistisch beschimpft und bedroht. Die Neonazis werfen Bierflaschen in ihre Richtung. Die drei Kollegen versuchen, die Angreifer zu ignorieren und fahren mit Noël Martins Auto weiter. [11]

Zwei junge Rechte verfolgen sie jedoch mit einem gestohlenen Auto. Bevor sie losfahren, holt einer der beiden einen 6-7kg schweren Feldstein von einer Baustelle in der Nähe des Bahnhofs -- schon jetzt in der festen Absicht, den Stein später auf Noël Martins Auto zu werfen. Während der Verfolgungsjagd versuchen die beiden Täter zunächst, Noël Martins Auto von der Fahrbahn zu drängen. Dann wirft einer von ihnen den Feldstein auf die hintere Fensterscheibe. Dadurch verliert Noël Martin die Kontrolle über das Fahrzeug – es überschlägt sich mehrmals und prallt gegen einen Baum. Noël Martin kommt bewusstlos und mit schweren Bruchverletzungen an der Halswirbelsäule ins Krankenhaus. Er ist infolge des Unfalls vom Hals abwärts querschnittsgelähmt, entgeht im Krankenhaus nur knapp dem Tod. Arthur B. und Mikel R. sind leicht verletzt. [12]

Als die Polizei am Tatort ankommt, sind die beiden Täter bereits weitergefahren. Die Polizei findet keine Augenzeug_innen – angeblich hat niemand etwas gesehen. [13] Anstatt dass Arthur B. und Mikel R., die beide unter Schock stehen, angemessene ärztliche Versorgung erhalten, kontrolliert die Polizei ausführlich ihre Papiere. Auf Anweisung der Polizei muss Arthur selbst den Stein aus dem Wagen herausholen. [14]

Noël Martin Foto: Carol Martin
Nach der Tat

Noël Martin muss mehrere Monate in verschiedenen Kliniken zubringen, erst in Deutschland, dann in Großbritannien. Er hat starke Schmerzen, kann seinen Körper nicht mehr bewegen, keine Berührungen wahrnehmen. Aufgrund von inneren Blutungen muss er eine Zeitlang mit einem Schlauch ernährt werden. Nur knapp und durch das schnelle Eingreifen von Ärzt_innen überlebt er ein Lungenversagen. [15] In einem Interview wird er später rückblickend sagen: „Im Krankenhaus dachten alle, ich wäre tot, aber ich bin zurückgekommen, viele Male. [...] Woher ich die Kraft nehme, weiß ich nicht. Es muss wohl mein Überlebenswille sein.“ [16]

Im Dezember 1996 wird Noël Martin aus dem Krankenhaus in sein Zuhause in Birmingham entlassen – nachdem er sich dem Vorhaben der Sozialfürsorge, ihn ohne eigene Mitsprache in einem Pflegeheim unterzubringen, mühevoll widersetzt hat. [17] Um dringend nötige Hilfsmittel zu bekommen, muss er lange Kämpfe mit der Sozialbehörde führen. Auch für nötige Umbauten fehlt das Geld – die obere Etage seines Hauses kann er nicht mehr erreichen. [18] Seine Partnerin Jacqueline kümmert sich um ihn, bis sie 2000 an Krebs stirbt. [19] Er ist zudem rund um die Uhr auf Pflegekräfte angewiesen, um den Alltag zu bewältigen.

2006 kündigt Noël Martin für August 2007 seinen Suizid an, Grund dafür sind die massiven körperlichen Einschränkungen und seine daraus resultierende Abhängigkeit von Pflegekräften. [20] Er entscheidet sich dann aber doch fürs Weiterleben – in einem Interview sagt er dazu u.a.: „[…] ich wollte nicht, dass die Neonazis ihren Sieg erklären können.“ [21] Ebenfalls im Jahr 2007 erscheint seine Autobiografie „Nenn es: mein Leben“, aufgezeichnet von seiner langjährigen Vertrauten Robin Herrnfeld.

Bis zu seinem Tod engagiert sich Martin gegen Rassismus – zum Beispiel im Rahmen der Noël-und-Jaqueline-Martin-Stiftung, die Jugendbegegnungen zwischen Mahlow und Birmingham durchführt. [22]

Ein wichtiges Ereignis für ihn ist der Doppelsieg seines Rennpferds Baddam beim hochangesehenen internationalen Pferderennen Royal Ascot, für den er breite Bekanntheit erlangt – u.a. als erster Schwarzer und erster behinderter Rennpferdbesitzer, der dort einen Titel erringt. [23]

In all den Jahren nach dem Angriff lebt Noël Martin mit massiven körperlichen Einschränkungen – und verstirbt infolge dieser am 14. Juli 2020 im Alter von 60 Jahren an multiplem Organversagen. [24]

„Die Angreifer bekamen eine mehrjährige Strafe. Noël bekam lebenslänglich. Und doch hat er mich gelehrt zu sehen. Er, der, an Haus und Bett gebunden, nicht gehen konnte, um zu sehen."

Carola Lotzenburger, enge Vertraute von Noël Martin
Das Verfahren

Die erste Polizeimeldung verbreitet die falsche Darstellung, die Täter seien von Martin und seinen Kollegen verfolgt worden. In Mahlow wird über die Tat hauptsächlich geschwiegen. [25] Die polizeilichen Ermittlungen kommen erst durch die Recherche und breite überregionale Berichterstattung von Journalist_innen in Gang. [26] Fünf Wochen vergehen, bis die Polizei die Täter festnimmt. Beim Gerichtsprozess, der im November 1996 beginnt, schmiert Mario P. (24) rassistische und antisemitische Parolen an die Wand des Warteraums. Sandro P. (18), der gesteht, den Stein geworfen zu haben, stellt sich als ‚politisch neutral‘ dar, gibt aber an, dass er Hitlers Geburtstag gefeiert habe. Beide Täter gehören zur in Mahlow bekannten rechten Bahnhofsclique. Das Landgericht Potsdam verurteilt die beiden im Dezember 1996 zu fünf und acht Jahren Haft – wegen schwerer Körperverletzung und Eingriff in den Straßenverkehr, im Fall von Mario P. auch wegen Beleidigung. Das Gericht wertet den Steinwurf als Ursache für den Unfall. Den Anklagevorwurf des versuchten Mordes bestätigt es nicht. [27] Sandro R. wird nach dreieinhalb Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen. [28]

Noël Martin erhält Pflegegeld und eine Grundrente nach dem Opferentschädigungsgesetz – dies reicht jedoch nicht, um z.B. sein Haus barrierefrei umzubauen. [29] Erst 2000 erkennt ihm das Landgericht Potsdam zudem Anspruch auf Schmerzensgeld zu. [30] Über mehrere Instanzen kämpft Martin dafür, dass dieser Anspruch auch gegenüber der Haftpflichtversicherung des Autos, mit dem die Täter unterwegs waren, geltend gemacht werden kann – bis der Bundesgerichtshof dies 2002 schließlich bestätigt. [31]

Das GEDENKEN

In Mahlow finden am Jahrestag des Angriffs regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt. Seit 2001 erinnert das Mahnmal „Der Stein von Mahlow“ am Tatort an das Geschehene. [32] 2021 wird eine Brücke nach Noël Martin benannt.

Zur Gedenkseite

 

Die Quellen

[1] Noël Martin: Nenn es: mein Leben. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag 2007, S. 82.
[2] Noël- und Jacqueline-Martin-Stiftung, zuletzt aktualisiert am 25.03.2021: https://noel-martin.de/de/noel-martin/.
[3] Noël Martin: Nenn es: mein Leben. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag 2007, S. 94..
[4] ebd., S. 103
[5] ebd., S. 169
[6] Claudia Bröll, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2007: Rechtsradikale Gewalt: Sie haben mir alles genommen.

mehr lesen ...

[7] Noël Martin: Nenn es: mein Leben. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag 2007, S. 175-177.
[8] Barbara Bollwahn, taz, 17.07.1996: Dangerous Zone am S-Bahnhof. / taz, 10.08.2000: Mahlow: Ein Dorf bleibt sich treu.
[9] Barbara Bollwahn, taz, 17.07.1996: Dangerous Zone am S-Bahnhof.
[10] Märkische Allgemeine Zeitung, 22.12.2003, dokumentiert von Inforiot: „N****, verpiss dich!“
[11] Noël Martin: Nenn es: mein Leben. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag 2007, S. 179-180. / ansTageslicht.de, 27.10.2015: Noël Martin: Chronologie aller Ereignisse in Mahlow.
[12] Urteil des Landgerichts Potsdam im Strafprozess gegen Mario P. und Sandro R. vom 02.12.1996
[13] ansTageslicht.de, 27.10.2015, aktualisiert am 16.07.2020: Noël Martin: Chronologie aller Ereignisse in Mahlow.
[14] Barbara Bollwahn, taz, 17.07.1996: Dangerous Zone am S-Bahnhof.
[15] Noël Martin: Nenn es: mein Leben. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag 2007, S. 181-183.
[16] Interview mit Noël Martin von Boris Hermel und Heike Hartung, rbb24, 14.07.2020: „Diese beiden Typen überlasse ich Gott.“
[17] Noël Martin: Nenn es: mein Leben. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag 2007, S. 193-196.
[18] ebd., S. 200-201
[19] Noël Martin: Nenn es: mein Leben. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag 2007, S. 184-206.
[20] Philipp Wittrock, SPIEGEL, 16.06.2007: Der Kampf gegen das Vergessen. / Interview von Arno Luik mit Noël Martin, Stern, 30.05.2007: „Ich werde als zufriedener Mann sterben.“
[21] Interview mit Noël Martin von Boris Hermel und Heike Hartung, rbb24, 14.07.2020: „Diese beiden Typen überlasse ich Gott.“
[22] Noël-und-Jaqueline-Martin-Stiftung: https://noel-martin.de/
[23] Noël Martin: Nenn es: mein Leben. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag 2007, S.241-244.
[24] Interview mit Liz
[25] Barbara Bollwahn, taz, 16.06.1997: Der Traum davonzureiten.
[26] ansTageslicht.de, 27.10.2015: Warum Noël Martin – eigentlich – nicht weiterleben wollte. Aber dennoch weiterlebt.
[27] Urteil des Landgerichts Potsdam im Strafprozess gegen Mario P. und Sandro R. vom 02.12.1996
[28] rbb24, 14.07.2020 (Erstveröffentlichung: 15.06.2016): Das Leiden und Überleben des Noël Martin. Chronologie.
[29] Barbara Bollwahn, taz, 16.06.1997: Der Traum davonzureiten.
[30] Tagesspiegel, 04.10.2000: Rechtsextremismus: Hofft Martin umsonst auf Schmerzensgeld? Rassismusopfer auf Zuweisung des Landes angewiesen. / Tagesspiegel, 18.08.2000: Rechtsextremismus: „Anspruch auch gegenüber der Haftpflichtversicherung“ (Interview)
[31] Sandra Dassler, Tagesspiegel, 19.09.2001: Der Fall Noël Martin: Versicherung muss Schadensersatz zahlen. / dpa-Meldung im Tagesspiegel, 24.12.2002: Noël Martin erhält Schadensersatz.
[32] Website des Kunstschmieds Werner Mohrmann-Dressel, der das Mahnmal gestaltet hat:http://www.werners-esse.de/projekt-noel-martin.htm